Sonntag, 27. Dezember 2009

Samy Deluxe - Der Letzte Tanz




Kool Savas tat es, die Jungs von Aggro Berlin taten es, Azad ebenso und jetzt folgt auch Samy Deluxe, dessen Deluxe Records nun seine Pforten schließt und damit für eine weitere karge Stelle in Deutschlands Labellandschaft sorgt. Traurig und doch wahr, aber bevor es endgültig vorbei ist, wird noch einmal veröffentlicht. Fast schon selbstverständlich, dass es sich dabei um den Chef selbst handelt, der mit „Der letzte Tanz“ Abschied nimmt von einem gelebten Traum, der nach bewegten Jahren ad acta gelegt wird.

Gemixt von niemand geringerem als DJ Mixwell und ausgestattet mit einem Gastpart von Ali A$ schließt Samy Deluxe den Kreis aus rückwärtsgewandter Nostalgie und der jüngsten Gegenwart. Klingt alles reichlich anstrengend, startet aber durchaus entspannt in die letzte „Neue Saison“. Ein relaxter Beat, gut aufgelegte Reime von Samy Deluxe und man möchte kaum glauben, dass manch einer aufgrund von „Dis Wo Ich Herkomm“ ernsthaft Zweifel an den Qualitäten des Hamburgers hegte.

Ob auf „Der Letzte Tanz“, das den Werdegang des Labels noch einmal behandelt oder dem von Reggae geprägten „So Viele Fragen“, technisch brilliert hier jemand nach wie vor wie kaum ein anderer. Und wer noch immer nicht damit klar kommt, dass Samy Deluxe nicht mehr nur Rap macht, der möge sich bitte eindringlich auf das beeindruckende „Katze Aus Dem Sack“ einlassen, bei dem stilsicher zwischen Rap und Gesang gewechselt wird mit einer Leichtigkeit, die seinesgleichen sucht.

Musikalisch frei und stets positiv gestimmt geht auch „Hin Und Her“ ins Ohr, das klare Ohrwurm-Qualitäten mitbringt, während Monroe „Truf Is Back“ ins Rennen schickt, das wieder klar nach Deutschrap klingt, nahezu endlos wirkende Reimkaskaden inklusive. Der Baus Of The Nauf ist back, möchte man rufen, nur um einen Track später bereits aufgeklärt zu werden, es mittlerweile mit dem Baus Of The Dauf zutun zu haben. „Draussen Aufm Dach“ macht dabei ordentlich Druck und als Hörer setzt man die Suche nach dem entscheidenden Aussetzer in der Tracklist fort.

Fündig wird man eventuell kurze Zeit später mit „Sag Mir Was Du Von Mir Willst“, das rein äußerlich betrachtet große Kunst ist, überhaupt keine Frage. Und wer wünschte sich nicht wieder die ein oder andere Line des Wickeda-MCs aka Samsimilia. Doch mit stimmenverzerrten Gesangparts wird der Bogen dann ein klein wenig überspannt, zumal Auto-Tune-Affinitäten hier leicht fehl am Platze scheinen.

Das war es dann jedoch auch schon wieder an Kritik. Was nun folgt ist ein Hammer nach dem anderen. Die langerwartete Rache des Samsilias etwa, die auf drei Instrumentals ausgebaut Weed-Lines aller erster Güte beherbergt, der krasse Beat von „Hussel Und Flow“, ein Flow-Ungeheuer namens „Nie Genug“ mit Ali A$, das leider viel zu kurz geraten ist und das vielleicht beste Outro, das man seit ewigen Zeiten gehört hat. Wo andere Alben bereits zusammenpacken, da dreht „Outta Hier“ noch einmal mächtig auf, so dass mit Monroes Beihilfe ein Wahnsinnsende entworfen wurde.

Nun hatte man gute 50 Minuten Zeit um sich zu verabschieden und doch fällt es einem letztendlich schwer, sich mit dem Gedanken anzufreunden, künftig ohne das Hamburger Label durchs Leben zu gehen. Weshalb man seine ganzen Hoffnungen in Samy Deluxe setzt, der seine musikalische Brillanz hoffentlich auch noch lange nach der Ära Deluxe Records nach außen trägt. Bärenstarker Abgang.
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Dienstag, 22. Dezember 2009

La Connexion - Entre Rap Francais Et Deutschrap




Viel wurde im Vorfeld über dieses wunderbare Projekt berichtet, das die deutsche mit der französischen Rapszene verbinden möchte. Eine Idee, die in der Vergangenheit schon das ein oder andere Mal umgesetzt worden ist, aber selten mit einer derartigen Liebe zum Detail und ähnlich viel Hingabe. Denn was Bodensee Records für „La Connexion“ auf die Beine gestellt hat, ist wahrlich aller Ehren wert. Nicht nur eine CD mit achtzehn Tracks, bei der eine Vielzahl großer Namen aus Frankreich und Deutschland zu Worte kommt. Nein, sogar eine zweite CD mit allen Instrumentalen sowie zwei Acapellas ist im Paket enthalten und eine schön gefüllte DVD. Ach ja und da wäre dann ja noch der Gutschein für ein Gratis „La Connexion“-Shirt.

Was Aufmachung und Umfang angeht, gibt es also absolut nichts zu meckern und kritisieren. Stellt sich nun natürlich die Frage, wie es sich mit der darauf enthaltenen Musik verhält. Lieblos zusammengewürfeltes Durcheinander möchte letztlich ja auch niemand haben. Da beruhigt einen jedoch fürs Erste das stimmige „Intro“, das mit zahlreichen Cuts auf Französisch und Deutsch für die richtige Atmosphäre sorgt, ehe Mindens Finest Curse gemeinsam mit Akhenaton verkündet „Yes We Can’t“. Gleich eine der namhaftesten Kollabos zu Beginn also, die, fast schon wie erwartet, gut wurde und einen gelungenen Start ermöglicht.

Ohne Umschweife kommt man anschließend zum Highlight des Samplers, „Phoenix“. Was vom Titel her am Besten zu Azad passen würde, berappt der ebenfalls aus der Nordweststadt kommende Jeyz gemeinsam mit Freeman. Ein toller Beat, der die französische Betonmelancholie hervorragend einfängt und Jeyz‘ Stimme sehr schön zur Geltung kommen lässt. Eine harmonische Angelegenheit ist auch das Aufeinandertreffen von Baba Saad und Sat, die sich gut ergänzen und die Kollabo Azad & Rim’K, welche sich treffend mit ‚groß‘ umschreiben lässt und viel zu schnell zu Ende geht.

Erwähnt werden sollte auch das deep aufgebaute „Briefwechsel“, für das Jonesmann und Bakar die Stifte in die Hand nahmen. Dezent mit Gitarre untermalt, darf gewichtig ins Mikrofon gereimt werden, wie man es von den beiden Interpreten kennt und liebt. Stark gibt sich auch Marteria auf „La Haine“ mit Kennedy bzw. Chaker auf „F+++ Die Strasse“, während Olli Banjo die tiefmelancholischen Streicher von „Politik“ garniert. Den letzten Pluspunkt bekommt dann noch Savant Des Rimes, welcher an der Seite vom King Of Rap eine beachtlich gute Figur abgibt und auch mal kurz ins Deutsche wechselt.

Zwar kann nicht jeder der achtzehn Tracks und Beats in überdurchschnittlichem Maße überzeugen. Ebenso wie Haftbefehl nach wie vor starke Geschmackssache ist (wenn hier auch ganz ordentlich am Tun). Im großen Ganzen aber ist es erfreulich, dass sich viele namhafte und stilistisch unterschiedliche Charakter (Curse, Massiv, Marteria) zusammengefunden haben und somit für jeden etwas dabei sein dürfte. Ganz zu schweigen vom Wert des Projektes für das innereuropäische Rapverständnis.
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Samstag, 19. Dezember 2009

Rakim - The Seventh Seal




Größe, Langlebigkeit und allgegenwärtiger Respekt – wer träumt nicht davon? Bereits in der tiefsten Vergangenheit des menschlichen Lebens waren diese drei Punkte existent und sie sind es noch heute. Wenngleich es heute, ohne Eroberungsfeldzüge, Belagerungen und dergleichen wesentlich schwerer ist, seinen Namen in Stein zu meißeln, wo dieser die Jahrzehnte heil übersteht. Einer, der es geschafft hat, sich fest in den Analen des Hip Hops bzw. auch darüber hinaus zu verankern ist Rakim. Eine lebende Legende, die unvergessliche Klassiker erschuf, nie den Bezug zu seinen Wurzeln verloren hat und selbst nach über zwanzig Jahren „Paid In Full“ mit neuem Material aufwartet. Schließt den Mund, spitzt die Ohren und hört gut hin, der Meister spricht.

Wie mittlerweile schon weitverbreiteter Usus, sah man auch „The Seventh Seal“ nicht frei von Zweifeln entgegen. Fragen kamen auf, etwa ob ein alter Mann wie Rakim es überhaupt noch fertig bringe Qualität auf Albumlänge abzuliefern. Diese Fragen sind berechtigt, schließlich gab es schon genügend etablierte Künstler, die ihren Ruf mit schlechtem Material nachhaltig ruinierten. Dennoch übersah man gerne mal, dass Rakim einst zum God MC auserkoren wurde, ein Titel, der wahrlich Bände spricht. Zeit also, sich den 14 neuen Stücken zu widmen, die einen Eindruck davon vermitteln sollen, was reimtechnisch dieser Tage noch so geht.

Los geht es wie in der Schule. Der Hörer sitzt gespannt an seinem Platz und blickt im Geiste nach vorne zum Lehrer, der in unserem Beispiel kein langweiliger Theoretiker ist, sondern Rakim Allah, welcher mit „How To Emcee die erste Lehrstunde bestreitet. Auf einem ungehobelt rohem Instrumental wird so auch der schläfrigste Schüler wach und richtet seinen Aufmerksamkeit aufs Geschehen. Das wird belohnt mit einem gelungenem „Walk These Streets“, das mit Maino als Feature auch als Single fungierte und kalt wie New Yorks Straßen im Winter sauber einfährt.

Mit für New Yorks Klangbild typischem Piano wurde dann auch die lyrische Geschichtsstunde „Documentary Of A Gangsta“ inszeniert. Atmosphärisch dicht gibt Rakim den Erzähler, der detailliert mit seinen Worten begeistert. „You And I“ lässt auf ein obligatorisches Schnulzenlied schließen, entpuppt sich jedoch als üppig ausgestattetes Bass-Geschoss, was zunächst ungewohnt wahrgenommen, mit der Zeit jedoch durchaus zu gefallen weiß. Und das von Nick Wiz produzierte „Holy Are U“ fesselt bereits von der ersten Sekunde an. Bis hierhin also eine wirklich unterhaltsame Angelegenheit, die Laune macht.

Dem Ende hin nimmt die Faszination für den God MC zwar minimal ab und Tracks wie „Satisfaction Guaranteed“ oder „Working For You“ lassen sich „nur“ als grundsympathische, locker ins Ohr gehende Tracks umschreiben. Wenn dann aber Rakims Tochter für „Message In The Song“ mitwirkt oder „Still In Love“ ertönt, ist man wieder Feuer und Flamme. Daran ändern letztlich auch ein paar austauschbar eingespielte Tracks („Won’t Be Long“, „Psychic Love“) nichts.

Objektiv betrachtet ist Rakim somit ein gelungenes Release geglückt, das selbstverständlich nicht annähernd so hohe Wellen schlagen wird wie Ende der Achtziger, aber dem Hörer ein paar gern gehörte Momente beschert, inklusive eines Samples von No Doubts „Don’t Speak“. Runde Sache.
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Mittwoch, 16. Dezember 2009

Clipse - Til The Casket Drops




Neues aus Virgina! Und dann auch noch so herrlich unverkrampft betitelt. Das können nur die beiden Clipse-Brüder sein, die bereits seit 2002 dank ihrer Hits „Grindin‘“ und „When The Last Time“ zu den namhafteren Namen im Spiel zählen und 2006 mit „Hell Hath No Fury“ ein Album hervorbrachten, das für nicht wenige zu der erlesenen Auswahl an Neuzeit-Klassikern gehört. Warum also nicht einfach aufhören mit der Musik, den Rückzug verkünden, wie es mehr und mehr zum Trend wird und sich auf seinen Lorbeeren ausruhen? Pusha T und Malice haben sich jedoch glücklicherweise dafür entschieden, weiter Material herauszubringen. Siehe da, schon wären wir bei „Til The Casket Drops“, dem dreizehn Stücke umfassenden neuen Album.

Wie kaum anders zu erwarten, trugen wieder die Neptunes ihren Teil zum Ganzen bei und schneiderten gleich acht Instrumentale und damit mehr als die Hälfte der Show. Den Rest besorgte DJ Khalil und das Duo Sean C & LV, welches dann auch gleich den Eröffnungstanz in Form von „Freedom“ ausschmücken durfte. Das wiederum haut zwar niemanden total aus den Socken, aber der dezente Einsatz der Gitarre und das ruhige und besonnene Warmmachen der Thronton-Brüder lassen dennoch Gutes erhoffen. Kaum vorbei, ertönt das bereits im Vorfeld viel gefeierte „Popular Demand (Popeyes)“. Die Neptunes in klasse Form und überaus positive Gastbeiträge von Pharrell und Cam’Ron machen das Teil somit zu einem der Highlights der Platte.

Auch beim Rest der Gastbeiträge bewies man ein glückliches Händchen. Neben altbekannten Namen wie Ab Liva oder bereits erwähnten Pharrell sollte vor allem Yo Gotti erwähnt werden, der direkt aus Memphis Schützenhilfe leistet. So sind gerade „Showing Out“ mit eben Gotti oder das Ab Liva-Feature auf „Never Will It Stop“ die Sequenzen, in denen das Album richtig Spaß macht und hart am Sarg gerüttelt wird.

Unglücklicherweise finden sich aber auch auf „Til The Casket Drops“ Stücke, die das Album vom durchweg klargehenden Überalbum auf gehobenes Mittelmaß degradieren. „I’m Good“ mit Skateboard P beispielsweise oder die sich am Ende der Spielzeit befindlichen „Footsteps“ und „Life Change“. Ein Hörsturz droht zwar zu keiner Zeit, aber zu mehr als einem gut gemeinten naja reicht es aber nicht. Gerade im hinteren Teil des Albums hat man das Gefühl, also nehme der Einfluss aktueller Einflüsse zu. Kein Verbrechen, aber auch Nichts, wofür man spontan beide Daumen in die Lüfte reißen müsste.

So in etwa fällt dann auch das Gesamturteil aus. Für das Album sprechen die Akteure selbst, die mit ihren unverkennbaren Stimmen und gesegnet mit reichlich Talent immer noch zum Unterhaltsamsten gehören, was sich auf dem Musikmarkt derzeit finden lässt. Sowie einige saubere Geschosse, die klar gehen. Während ein paar durchschnittlich inszenierte Beiträge gegen eine Bestnote sprechen. Trotz allem immer noch locker über dem Durchschnitt anzusiedeln.
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Dienstag, 15. Dezember 2009

Too Strong - Rap Music Is Life Music (The Remix Album)




Kein Vierteljahr ist es her, da meldete sich Pure Doze und Atom One mit „Rap Music Is Life Music“ mehr als eindrucksvoll auf der musikalischen Bildfläche zurück. Und als sei dies noch nicht genug, folgt nun pünktlich zum herannahenden Weihnachtsgeschäft ein Remix-Album, das Neubearbeitungen der Tracks von „RMILM“ bereithält, für die unter anderem Brisk Fingaz, Brenna, die Stieber Twins und Doze selbst hinter die Regler gingen.

Fragt sich natürlich gleich, wie viel Sinn derartige Alben machen, da außer hartgesottenen Fans meist kaum mehr Käufer an Land gezogen werden können, da diese sich ggf. bereits mit dem Original zufrieden gegeben haben. Zumal lediglich 10 Remixe auch nicht unbedingt die Welt darstellen in Zeiten, in denen das Absetzen von CDs bekanntlich ohnehin schon schwer genug fällt. Auf der anderen Seite haben es Größen wie Nas vorgemacht, warum also nicht?

Verlockend ist auf jeden Fall der Brisk Fingaz-Remix zu „Bring The Beat Back“, der zwar etwas weniger Druck macht als das Original, aber mit weitaus böser und synthetisch wirkender Beatunterlage für Abwechslung sorgt. Das gilt auch für Brennas Version von „Too Strong“. Ursprünglich ein stark von der E-Gitarre geprägtes Stück, geht das Ganze nun wesentlich glatter ins Ohr, wenngleich man im Hintergrund immer noch den Ton von Gitarren vernehmen kann. Der D&D-Remix zu „Musik“ gibt sich ordentlich entspannt und legt im Vergleich zum Original noch einmal eine Schippe hinzu und P&S sei Dank ist das Extrabreit-Cover „Polizisten“ nun auch für weniger offenherzige Rap-Freunde hörbar.

Weniger zwingend hingegen „Friends“, das Brenna zwar moderner klingen lässt, dadurch aber kaum etwas zulegen kann. Auch „Katakomben“ will im hektischen Remix von Doze nicht so ganz klar Schiff machen, dringt zumindest aber in die höchsten bpm-Regionen des Albums vor. Da bleibt man dann doch lieber beim Ursprung, was auch im Falle von „Rap Music Is Life Music“ zutrifft, welches ohne den Zusatz ‚Remix‘ hörbar mehr Freude bereitet als hier. Zum Ende hin setzt man folglich alle Hoffnungen auf die Stieber Brüder, die jedoch mit Ihrer drucklosen Neubearbeitung von „Bring The Beat Back“ enttäuschen und Brisk Fingaz bzw. P&S (verantwortlich für das Urbild des Tracks“ den Vortritt lassen.

Eine recht unspektakuläre Angelegenheit also, die für jeden gelungenen Remix einen weniger überzeugenden Gegenpart bereithält – oder andersherum. Den Fans zumindest wird’s egal sein und als Rezensent zieht man bei jeder sich gebenden Gelegenheit respektvoll den Hut vor zwei langlebigen Gestalten, die 2009 wieder präsent sind wie eh und je.

Samstag, 12. Dezember 2009

Herr Von Grau - Heldenplätze




In der deutschsprachigen Rap-Szene gibt es viel zu entdecken. Von großen Namen, die selbst die Charts regelmäßig mitbestimmten über stets zu unrecht vernachlässigte Künstler bis hin zu ambitionierten, noch unbekannten Namen. Und dann gibt es noch Charaktere wie Herr von Grau, die mit ihrem eigenen Sound und viel Liebe zu dem was sie tun scheinbar aus dem Nichts kommen und auf Anhieb Fuß fassen, so dass jeder der was auf sich hält auch darüber Bescheid weiß. Ehe man sich versieht, findet man sich auch schon auf „Deutschlands Vergessene Kinder 2“ wieder und grüßt Curse zu seiner Rechten und Die Firma zu seiner Linken. Wesentlichen Anteil bei dieser Erfolgsgeschichte hatte mit Sicherheit das Album „Heldenplätze“, das quasi den Startschuss einleitete und Herr von Grau ins Bewusstsein der Deutschrap-Freunde katapultierte. Warum also nicht mal einen Blick nach hinten wagen und sich dem 17 Anspielpunkte umfassenden Album des Herrn widmen?

Als Vertreter der non-digitalen Zunft erfreut es mich bereits vorm Hören, dass das Album in schön gestalteter Papp-Schieber-Verpackung daher kommt und man alleine mit dem Betrachten des Covers so manch vorbeiziehende Minute füllen kann. Der Gastgeber empfängt einen während dessen schon einmal mit seiner unverwechselbaren Stimme und stimmt ein auf das abwechslungsreiche Programm von „Heldenplätze“. Schon zu Beginn gibt es anspruchsvoll vorgetragene Textpassagen zu hören, die mich vom Schema her immer ein wenig an „MFG“ der vier Fantastischen erinnern und dem Schreiber sicherlich nicht einfach so aus dem Ärmel fallen. Da gehört schon etwas dazu, zumal mit später folgendem „Nicht Jeder“ gleich noch eine lyrische Glanzleistung ähnlichen Ausmaßes folgt.

Daneben glänzt das Album dank seiner durchweg am Boden der Tatsachen angesiedelten Themen, die für jeden nachvollziehbar erscheinen. Ausgeschmückte Drogen-/Gangstertum-Geschichten sucht man hier vergebens. Stattdessen gibt es beschwingte Stücke über erhoffte Turtelleien mit „Nebenan“, anhimmelnde Poesie in Form von „Zu schade für Sprache“ und „Töchter“, der inoffizielle Soundtrack für alle, die nach Trennung vom Partner noch in der Herzschmerzphase stecken, so langsam aber sicher gerne wieder ausbrechen würden.

Ein Prunkstück in Sachen Geschichtenerzählen bekommt man mit dem Titeltrack geliefert, bei dem das Folgen des Inhaltes weder anstrengt noch langweilt, vielmehr erlaubt es dem Gedankenkino eine weitere gelungene Vorstellung. Nicht weniger gelungen auch „SMS“, das thematisiert, was wohl schon jeder erlebt hat – spät am Abend tippt man Hals über Kopf und geblendet von einem teuflischen Gefühlscocktail eine Nachricht ins Handy, die man möglicherweise schon wenige Stunden später, konkret am morgen danach bitter bereut. Wem das alles noch immer nicht reicht, er darf Herr von Grau als Freund der Meinungsfreiheit kennenlernen („Klebeband“), als vorsichtig agierender Kritiker der Oberschicht („Eingefrorn“) und körperbewussten „Tänzer“. Unfreiwillig aktuell gibt sich zum Schluss hin dann auch „Drinnen“, welches dank der allseits grassierenden Schweinegrippe noch besonders zu empfehlen wäre.

Kurzum also eine herausragende Eigenproduktion, die durch selbst erschaffendes Soundbild und tolle Texte überzeugt, ohne dabei verkrampft und gezwungen in Richtung Anderssein zielt. Der Käufer des Albums ist damit ein Stück gehaltvollen Raps reicher und Deutschrap darf sich glücklich schätzen immer noch so erfreuliche Eigenbrötler beherbergen zu dürfen.

Mittwoch, 9. Dezember 2009

Donato - Angst




Rapper gib es in Deutschland wie Sand am Meer. Die Anzahl an wirklich herausragenden Veröffentlichungen begrenzt sich dennoch auf ein paar wenige Duzend. Das heißt im Umkehrschluss, dass zu viele Rapper zu wenig Hochglanzmaterial produzieren. Jemanden, dem man dies sicher nicht vorwerfen möchte ist Donato. Bereits sein Erstlingswerk „Damals Wie Heute“ überzeugte auf Anhieb und findet sich auf einschlägig bekannten Online-Musikanbietern zu horrenden Preisen, die mitunter im dreistelligen Bereich liegen. Nach gut vier Jahren bekommt es Donato nun mit der „Angst“ zutun, so der Name seines zweiten Langspielers, der vor kurzem über das renommierte und viel gelobte Münchner Label Kopfhörer Recordings veröffentlicht wurde.

Nun ist die Angst, wie sicher jeder selbst am Besten wissen dürfte, ein sehr mächtiges Gefühl, das vom am Existenzminimum lebenden Arbeitslosen über den mittelständischen Unternehmer bis hin zum großen Konzernmanager jeder kennt. Ein facettenreiches, anspruchsvolles Thema, das sich der Dortmunder für sein zweites Album ausgedacht hat und dafür den ein oder anderen guten Vertrauen um Hilfe bat. Etwa Morlockk Dilemma, Inferno79 und Absztrakkt, die als Gastrapper gewonnen werden konnten oder Screwaholic, Brisk Fingaz und die Beatgees, die sich unter anderem für die musikalische Umsetzung der fünfzehn Stücke verantwortlich zeichnen.

Im Vergleich zu einem Großteil Rap-Deutschlands geht Donato gewohnt bodenständig zu Werke und schildert im Detail die nicht immer einfach zu verstehende und noch schwerer in Worten zu fassende Welt der Emotionen. Herausgekommen ist so beispielsweise „Könnt Ihr Mich Hören?“, das sich an die einstigen Vorbilder richtet, denen Donato damals nacheifern wollte, heute jedoch voller Überzeugung klar stellt, dass er sich um keinen Preis verstellen möchte. Ein gelungener Auftakt, der in „Lebe Deinen Traum“ seine Fortsetzung findet. Screwaholic zaubert einen atmosphärischen Beat aus dem Ärmel und gemeinsam mit Inferno79 wird sich an die Kids gewandt. Diese finden in den Zeilen sowohl Hoffnung als auch klare Worte wie ‚also nähr‘ deine Träume mit Schweiß und Wasser wie ein Baum / denn es ist nicht zu spät, du musst dich nur trauen‘.

Weitaus pessimistischer gehen Tracks wie „An Mir Vorbei“ oder „Du Fehlst“ ins Ohr. Ersteres ist eine leicht deprimierende Sicht auf die Schnelllebigkeit des Lebens, das einfach nicht langsamer zu werden scheint. Zweitgenanntes ist ein ehrliches, persönliches Stück Musik, das dank Donatos tragender Stimme weit mehr transportiert als der handelsübliche Herzschmerz-Track. Schön auch „Über Der Stadt“, bei dem es Zaehre sehr gut gelungen ist das Gefühl von Schwerelosigkeit in musikalische Gefilde zu transferieren, während der Texter der Freiheit frönt.

Zu guter Letzt sollte dann noch auf „Elemente“ eingegangen werden, eine von Donato, Morlockk Dilemma, Inferno79 und Absztrakkt bestrittene Kollabo, bei der die einzelnen Charaktere stellvertretend für eines der vier Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft stehen. Dank geradeausgehender Raps, die verbal eine Schippe zulegen und der netten Idee eine gelungene Abwechslung zur inhaltlichen Tiefe der übrigen Stücke.

Ein rundes Album, das viel Wert auf Qualität legt und Inhalt vermitteln möchte, bei dem man gespannt zuhört und im Booklet mitliest. Auf Dauer vielleicht etwas ermüdend und nicht frei von Aussetzern (an Soundbwoy Boogies Beitrag auf „Zepter“ muss man bspw. nicht zwingend Gefallen finden), als Gesamtwerk betrachtet aber äußerst stark und eine Empfehlung wert für alle, die noch nicht wissen, was sie (sich) unter den Weihnachtsbaum legen sollen.
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Review ebenfalls erschienen auf HipHopHolic.de

OC & AG - Oasis




Es ist das Jahr der wiederkehrenden alten Herren im Spiel. Nachdem Rakim zum ersten Mal seit längerem wieder einen Langspieler veröffentlichte (Review folgt hoffentlich in kürze), machen sich nun die beiden D.I.T.C.-Veteranen AG und OC auf den Weg zurück in Richtung Rampenlicht. Ob ihnen dabei die gegenwärtige, sich mehr und mehr verschlimmernde Krise auf dem Musikmarkt zugute kommt, oder eine Rückkehr nahezu unmöglich macht, wird sich im Laufe der nächten Wochen zeigen. Was die 17 Stücke von „Oasis“, so der Name des Kollabo-Albums, rein qualitativ zu bieten haben, kann man jedoch bereits heute schon ausmachen.

Über das klangvolle Nature Sounds Label kommend, startet die Parade mit dem Titelstück „Oasis“ gleich so, wie man sich das bereits im Vorfeld ausmalte. Scratches und Cuts, die sofort Bezug nehmen auf die reinere Form des Sprechgesangs, zwei große Namen am Mikrofon und ein Beat, der – von Statik Selektah produziert – Laune macht. Das glänzt nicht unbedingt durch Experimentierfreudigkeit, stellt aber gleich unter Beweis, dass die beiden Herren tadellos als Duo funktionieren und das Rappen keinesfalls verlernt haben. Passt.

Und siehe da, der gute Einstand wird sogleich noch mal überboten, wenn E Blaze an den Reglern ein melodisches Instrumental zusammenschraubt, das dankbar als Unterlage für „Keep It Going“ verwendet wird. Nun darf der einst große Lord Finesse ran und man lauscht gespannt dem Ergebnis des Crates-Trios, das in Ordnung geht. Locker vorgetragene Raps auf eingängigem Beat ergibt ein annehmbares Hörvergnügen ohne allzu große Reden von sich zu machen. Womit man im Grunde schon den größten Kritikpunkt der Scheibe ausmacht. Doch zunächst weiter im Text.

Laid back fährt „Alpha Males“ ein, das ebenso auf die Kappe von Finesse geht und auch „Young With Style“ sowie „Everyday Life“ bestechen durch entspanntes Feeling, das nicht auf die Nerven geht, aber sich ebenso wenig ins Gedächtnis der Hörer einbrennt. Für den aufstrebenden Jüngling noch akzeptabel und aller Ehren wert, genügt dies einem OC / AG leider nicht. Schon gar nicht, wenn man sich doch schon als Alphamännchen brüstet, die Zähne dann aber offenbar daheim bei den Kukident-Taps hat liegen lassen. Nichts für ungut, aber da erwartet man einfach Druck, Power oder den Hauch von etwas Zwingendem.

Gesagt – getan. „Think About It“ geht zwar nicht voll durch die Decke, heizt mit etwas mehr Dampf den Kessel jedoch wieder ein gutes Stück weit auf. Frisch aus dem Trott geweckt, hat dann auch „Against The Wall“ etwas, ja sogar „Put It In The Box“ und „Boom Bap“ halten bei der Stange. Bis einen „Contagious“ zurückwirft in das sich beinah ewig erstreckende Brachland zwischen ‚in Ordnung‘ und ‚öde und langweilig‘. Lediglich „God’s Gift“ strahlt noch einmal etwas heller und versprüht jede Menge Liebe für Hip Hop, ehe „Pain“ die Berg- und Talfahrt wenig prägend endgültig beendet.

„Oasis“ zeigt also so manch nach wie vor vorhandene Stärke der kräftigen Stimmen aus, offenbart aber auch einige Schwächen, weshalb man sich an Ebbe und Flut erinnert fühlt. Hier ein paar brauchbare Tracks, dort Begleitmusik, ergibt das unterm Strich aufgrund von ungünstig gestalteter Tracklist ein Album mit viel gefühltem Leerlauf. Der klare Höhepunkt „Keep It Going“ brilliert dann aber auch 15 Tracks später noch genug, um „Oasis“ knapp über dem Durchschnitt anzusiedeln. Keine ersehnte Oase in der Wüste, sondern ein bodenständiges Domizil, das für die Durchreise genügt.

Dienstag, 8. Dezember 2009

Straight From Down Under: Diafrix - Concrete Jungle




Neues aus dem Hause Illusive Sounds! Dieses Mal geben sich Diafrix die Ehre, ein australisches Trio (obwohl das Cover zunächst auf ein Duo tippen lässt) mit Wurzeln in Afrika. Vierzehn Stücke haben sie auf „Concrete Jungle“ versammelt, darunter Gastparts von 1/6, N’Fa, Mantra, King Marong, Nadee und Traffik. Ob und wie sehr sich das Ganze von gängigen unterscheidet und ob der europäische Hörer seine Ohren spitzen sollte um sich Azmaring, Momo und Ptero_Stylus zu geben, wird sich nun zeigen.

Wie erwähnt, liegen die Wurzeln von Diafrix bzw. von Azmaring und Momo in Afrika. Dort geboren zog es sie in andere Länder, wo sie sich fortan als afrikanische Flüchtlinge behaupten mussten. Letztlich führte es beide nach Australien, wo sie sich zu Diafrix formten und vor allem als Live-Gruppe überaus große Erfolge feiern und einen respektablen Ruf aufbauen konnte. Ein Grund hierfür könnte der ansprechende Mix aus australischem Hip Hop, afrikanischer Musik und geschmackvollem Funk. Durchzogen von gehaltvollen Texten und einem stets durchschimmernden positiven Vibe, wird selbige Formel auch auf „Concrete Jungle“ angewendet.

Kaum eingelegt, wird man wohlgesonnen aufgenommen. Mit ordentlich Soul in der Stimme und jede Menge Liebe für die Musik gibt es munteren Rap, der noch was zu sagen hat. Das vermittelt auf Anhieb Sympathie und man beginnt Diafrix zu mögen für das was sie tun, ohne dabei ihre Wurzeln zu verstecken. Diese kommen besonders schön auf dem bouncenden „African Affair“ oder dem außerordentlich grandiosen „Mama Africa (Djarabi)“ zur Geltung und heben die Musik über den sonst bekannten Standard.

Reichlich entspannt ins Ohr gehend, präsentieren sich die Drei jedoch auch vielseitig und hauen auch den ein oder anderen schnelleren Track aus den Boxen, der in Mark und Bein geht. Neben „African Affair“ etwa noch „Crazy“ oder „Let’s Go“.
Man kann Diafrix also keineswegs nur in eine festgelegte Ecke drücken und behaupten es hier mit einem K’Naan-Abklatsch zutun zu haben. Zwar gibt es durchaus Parallelen, aber mit Diafrix hört man eine Gruppe, die eigenständig für sich steht und live sicher auch gut abgeht. Auch in Europa, wo sie bereits mehrere Gigs absolvieren konnten. Daumen hoch.

Montag, 7. Dezember 2009

Straight From Down Under: True Live - Found Lost




True Live wurden auf Resurrection of Rap bereits vor einigen Monaten kurz erwähnt. Mittlerweile hat mich auch das Album „Found Lost“ der Jungs aus Australien erreicht, welches im April diesen Jahres über Illusive Sounds veröffentlicht wurde. Mit von der Partie die damals im Rahmen des Illustration-Samplers bereits erwähnten Stücke „Somewhere I Can Go“ und „Damn Right“, sowie 10 weitere Anspielstationen. Das ergibt in der Summe zwölf Tracks und Gelegenheit, sich einen Eindruck von den Jungs zu machen.

Nach wie vor setzt man bei True Live auf den Einsatz von Live-Instrumenten und klassischem Musikansatz, wodurch ein untypisches Bild von Rap entsteht, das mittlerweile aber längst nicht mehr so einzigartig ins Ohr geht. Schuld daran sind vielleicht die vielen Kollegen, die ebenfalls auf den konsequenten Einsatz von Bands setzen, um so ihren Sound organischer wirken zu lassen. True Live möchte man da jedenfalls keinen Vorwurf machen, wofür auch, immerhin bleiben sie ihrer Linie treu, die sie schon zeitig eingeschlagen haben.

Bespricht man jedoch die Musik von True Live, kommt man nicht drum herum, zu erwähnen, dass ein „Raise Up“ gar nicht mehr allzu entfernt ist von einem Beat, wie man ihn auch auf Alben reiner Rapkünstler findet. Schön ist das alles aber dennoch, etwa wenn eine schöne Briese Blues mit „Something To Be“ aus den Kopfhörern entweicht, oder Streicher „Got To Go, Got To Take Me“ bzw. „Got Your Back“ mit zauberhaftem Vibe ausstattet. Auch zum damaligen Zeitpunkt bereits gelobtes „Somewhere I Can Go“ weiß immer noch zu glänzen und beweist noch am ehesten Ohrwurm-Charakter der klassischen Sorte.

Abgesehen von diesen Stücken jedoch muss man leider sagen, dass der Rest kaum zu mehr im Stande ist, als zur Hintergrund-Beschallung. Damit tritt man den Vollblut-Musikern von True Live zwar mächtig auf die Füße, aber zwangsläufig muss das ja nichts Schlechtes bedeuten. Denn wenn Rap mal wieder nicht ganz die Erfüllung bringt, die man sich erhoffte, darf man guten Gewissens auf True Live zurückgreifen und damit auf eine Blaupause mit einer ordentlichen Portion echter, handgemachter Musik. Liest sich doch schon viel besser.

Sonntag, 6. Dezember 2009

Sleep - Christopher




Es gibt Alben, die sind von außerordentlicher Güte und werden von manch eingeschworener Gemeinde geradezu frenetisch gefeiert – auch Jahre nach Release. Und obwohl im Prinzip alles für solche Werke spricht, kennen nur die Wenigsten jene Künstler und Langspieler. Schuld daran ist wahlweise der übersättigte und kaum mehr überschaubare Markt, vor allem im Bereich Rap, wo jeden Tag dutzende neue Nachwuchsrapper das Mikrofon für sich entdecken. Oder aber einfach nur der Trotz der Masse, der wenig übrig hat für Musik abseits der gängigen Normen und (vermeintlichen) Erfolgsformeln. In jedem Falle zählt „Christopher“ des Rappers Sleep zu erwähnten Alben und bekommt einige Jahre nach Erstrelease zwei zusätzliche Tracks spendiert, während alle Unwissenden erneut die Gelegenheit bekommen, sich Sleep näher zu führen.

2009 gab es dabei bereits eine Veröffentlichung Sleeps zu besprechen, nämlich dessen aktuelles Werk „Hesitation Wounds“. Hier nun der Vorgänger, auf welchem der kleine Junge noch, im Gegensatz zum Nachfolger, noch fasziniert gen Ferne blicken kann. Umgeben von einer Landschaft, die es würdig wäre umrahmt und an die Wand gehängt zu werden. Dass es letzten Endes um die Musik geht, kann man dabei gerne mal einen Augenblick vergessen, doch nur, um sogleich dann voll einzusteigen in die auf 18 Tracks aufgebohrte Neu-Veröffentlichung.

Wie die Ursprungsversion bildet auch hier ein hektisch reimender Sleep den Anfang und es fällt schwer seinem beachtlichen Tempo zu folgen. Man stelle sich nur einmal vor, was die menschliche Zunge in solch einem Moment an Arbeit verrichten muss. Nicht weniger langsam wird es auf „Say Goodbye“, einem wunderbaren Track, der gemeinsam mit Zelly Rock eingespielt wurde und auch nach dem x-ten hören nichts von seinem Glanz einbüßt. Zeitlos wäre vielleicht (noch) übertrieben, äußerst haltbar aber allemal.

Das es auch (etwas) weniger rasant geht, beweist Sleep auf „So Tired“, welches mit entspannt gehaltenem Instrumental aufwartet. Selbstsicher, eloquent und mit einem Hauch von natürlicher Arroganz präsentiert sich auf „Can’t Be Touched“ dann Abstract Rude, der einen astreinen Part zum Besten gibt, der Sleep in nichts nachsteht. Weitere Gäste sind Josh Martinez, mit dem Sleep gewohnt gut harmoniert auf „Guys Like Me“ und Masta Ace mit welchem „The Heat“ aufgenommen wurde und das mit seinem Beat, der ständige verbale Gefahr ausstrahlt, bei der Stange hält.

Auch die beiden Bonus-Songs sollten kurz erwähnt werden - „Bring It To Life“ und „Sticks & Stones“. Beide eint, das sie sich erstaunlich bequem ins Klangbild des Albums einbringen, so dass man im ersten Moment gar nicht glauben mag, dass diese erst im Nachhinein hinzu gekommen sind. Ob diese beiden Stücke dennoch Grund genug sind für Besitzer der regulären „Christopher“ noch einmal in die Geldbörse zu greifen, wage ich aber dennoch zu bezweifeln. Für diejenigen, die Sleep jedoch erst jetzt für sich entdecken eine großartige Gelegenheit.

Freitag, 4. Dezember 2009

Pyro One - Tränen Eines Harlekins




Es ist mal wieder Zeit für eine kleine Runde „interpretiere das Albumcover“. Dieses Mal auf dem Seziertisch: „Tränen eines Harlekins“, das siebzehn Stücke starke Album des Berliner Pyro One und dessen Haus und Hof-Produzenten LeijiONE. Da hätten wir eine von Anfang bis Ende vollends zugezogene Wand aus finsteren Wolken inklusive Niederschlag und ein Blitz lässt sich ebenfalls erkennen. Ein Fabrikgebäude, das in seiner Verlassenheit etwas unerklärlich Bedrohliches ausstrahlt. Und natürlich die beiden Charaktere, die im Mittelpunkt der ganzen Sache stehen. Pyro One, hier ganz im Sinne des Albumtitels gekleidet und sein Beatbastler, welcher sich unaufdringlich hinter der weinenden Dienerfigur positioniert.

Sieht alles nun nicht gerade nach Sandkastenmusik mit Regenbogen-Charme aus, was da über Twisted Chords veröffentlicht wurde. Schlechte Musik muss deshalb aber noch lange nicht bei rauskommen, zumal die Konstellation von MC und festangestelltem Produzenten für die Beiden spricht. Ebenso wie das schon im Vorfeld freudig erwartete Gastspiel des großartigen, immer noch unterschätzen und zu wenig beachteten Chaoze One. Eben noch schnell also alle Gänseblümchen der näheren Umgebung gepflügt und sicher verwahrt, kann die Show beginnen.

Diese besticht schon während des ersten Hörens durch allerhand Kritik am Hier und Jetzt. So legt bereits „Zerrissen“ mit geraderaus gereimten Worten gegen die Szene los, was im Laufe der Stücke in Form von etwa „Pyrocore“ noch fortgesetzt wird. Schon hier weiß LeijiOne mit seinen Produktionen zu überzeugen und schafft saubere Basen für die lyrisch durchaus anspruchsvoll gestalteten Texte des auserkorenen Harlekins.

Damit noch lange nicht genug, bekommt auch die Gesellschaft ihr Fett weg. Tadellos umgesetzt etwa auf „Anruf beim Mensch“, das die Makel der heutigen Generation (Geldgier, Völlerei) hervorhebt und bei dem Pyro One einen feinen Blick auf seine Umwelt beweist. Fehlt noch eine Prise Sozialkritik (auf dem äußerst gelungenem „100m“ mit Ambigu MC oder „Narrenkappe“), ein paar Schelten für die Politik („Opferlamm“) und eine Nuance von Misanthropie („Tausend Dinge“ mit Kobito) – fertig ist der muntere Cocktail aus passenden Instrumentalen und Pyros lyrischen Ergüssen.

Äußerst unterhaltsam und stellenweise komisch auch „Mädchen im Netz“. Ein Track direkt am Puls der Zeit, der die nicht selten trügerischen Inszenierungen, insbesondere wenn es ums Anbändeln mit dem anderen Geschlecht geht, im WWW zum Thema hat. Mit eingängiger Hook versehen, kann man das Stück zu den absoluten Höhepunkten, neben „Spiegelbild“ mit Chaoze One und bereits erwähntem „100m“, von „Tränen eines Harlekins“ zählen. Jetzt könnte man noch Unmengen von lesenswerten Zitaten miteinfügen, die Pyro One im Laufe des Albums so vom Stapel lässt. Selber anhören macht aber mit Sicherheit um einiges mehr Spaß.

Zwar kann der stets dunkle Grundton in Verbindung mit der kaum wegzudenkenden Kritik auf die Dauer etwas anstrengend werden. So richtig stark ins Gewicht mag das dann aber doch nicht fallen, weshalb ich hier mal wieder einen Tipp weitergeben darf, den manch einer vielleicht bis heute noch nicht auf der Rechnung hatte.

Donnerstag, 3. Dezember 2009

Die Arche & Mellowvibes präs. - Deutschlands Vergessene Kinder II




Hip Hop – die heiligen sechs Buchstaben für alle Rapper, Breaker, Writer,…ihr kennt den Rest. Mit Vorurteilen seitens Medien behaftet, spielt Hip Hop, allem voran natürlich Rap, besonders bei Jugendlichen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Ob bloßer Konsument oder aktiver Bestandteil der Szene, sie alle haben darin etwas gefunden, das sie begeistert, ihr Interesse weckt, unterhält und durchs Leben begleitet. Klingt kitschig, ist aber nicht weniger als die Wahrheit. Oder wie lässt sich sonst erklären, dass man mittlerweile mit Hip Hop selbst sozial benachteiligten Kindern eine Stütze geben kann, an der sie sich orientieren können. So geschehen etwa mit dem von beachtlichem Erfolg gekrönten „Deutschlands Vergessene Kinder“-Sampler, der vor kurzem einen zweiten Teil spendiert bekommen hat, für den erneut eine erlesene Auswahl an Künstlern gewonnen werden konnte. Unter anderem sind dieses Mal mit von der Partie: Olli Banjo, Curse, Die Firma, Prinz Pi, B-Tight, Jonesmann, Herr von Grau, Cassandra Steen, F.R. und noch einige mehr.

Wieder gehen alle Einnahmen direkt an das Arche Hip Hop Projekt und es brauch im Grunde nicht groß darüber diskutiert werden, ob man diesen Sampler kaufen sollte oder nicht. Wie oft bekommt man schon mal die Möglichkeit mit dem Kauf von Rap-Musik gleichzeitig etwas zu spenden und Gutes zu tun? Eben. Nichtsdestotrotz möchte man als Kunde gerne wissen, was einem „Deutschlands Vergessene Kinder 2“ musikalisch so bringt. Und da steigen wir dann auch gleich mal ein und führen durch die dichtbesiedelte Tracklist, die von Serk und She-Raw in Form des mächtig treibenden „Superheld“ eingeleitet wird.

Das geht gleich äußerst gediegen in den Gehörgang und gibt nur den Startschuss für zahlreiche weitere hörenswerte Tracks, von denen nun leider nicht alle genannten werden können. Ein paar jedoch schon, etwa „Lotterie“, für das sich Deutschlands vergessene Rapper Patrick mit Absicht und Mädness erneut zusammenfanden um groß aufzutrumpfen. Wer es lieber mit etwas mehr Soul mag, der findet gefallen an „Wenn Liebe nicht mehr reicht“ mit C. Steen, O. Banjo und Danny Fresh oder lässt sich auf Curse ein, dessen „Kein Leben“ unter die Haut geht.

Etwas gewöhnungsbedürftig gestaltet sich der Beitrag von Kaled Ibrahim und Orange Son, die mit „Was geht ab“ und integriertem Bob Marley-Zitat zunächst irritieren, am Ende aber vor allem durch ihre überaus positiv gestimmte Vortragsweise gefallen. Not your average Rapsong ist auch „Schlaf Ein“, für den sich die beiden übergroßen Spielekinder Hammer & Zirkel die Stimme von Spongebob mit ans Bord holten, wodurch dem Track etwas Besonderes hinzugefügt wird, was vielleicht nicht jedem gefällt, aber sich von 08/15-Tracks abhebt. Klassisch hält es hingegen Spax, der mit „Arche“ straighten Rap auf die Platte wirft, den man einfach nur bedenkenlos feiern kann. Loben sollte man auch Die Firma, deren „Masken“ einen bleibenden, durchweg positiven Eindruck hinterlassen.

Ohne nennenswerte Ausfälle bereichern ganze 11 Skits den Sampler. Sorgt allein der Schriftzug ‚Skit‘ bei manchen schon für ein Zucken in Richtung Skip-Taste, wurden für „DVK2“ prominente Stimmen gewonnen, die schockierend echte Fakten und Tatsachen preisgeben. Man lauscht etwa der deutschen Stimme von Bruce Willis, Will Smith, John Travolta, Jennifer Aniston oder Spongebob. Eine tolle Idee um die Aufmerksamkeit des Hörers während der gesamten Spieldauer immer wieder auf den Hintergrund des Samplers zu lenken und auch den Skits etwas Beachtung zuteil kommen zu lassen.

Halten wir also fest, dass der Kauf von „DVK2“ quasi einer Spende gleichkommt. Dass man neben einem guten Gefühl gleich zwanzig Raptracks bekommt, davon fast alles von hoher Qualität ist und man vor den Texten der Akteure schlicht und ergreifend den Hut ziehen soll. Ein Sampler, dessen Kauf in vielerlei Hinsicht lohnt und sich gut macht in der heimischen CD-Sammlung. Am Besten neben „Deutschlands Vergessene Kinder 1“.
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Der Artikel findet sich ebenfalls auf HipHopHolic.de

Rohdiamanten - Schlechter Als Erwartet




Das wäre dann auch mal wieder so ein Titel, der mich auf Anhieb anspricht. Wer sein Album so nennt, der redet sicher nicht um den heißen Brei herum und pflegt die offene und ehrliche Art. Dann das Cover, das mal eben mir nichts dir nichts eine tote Ratte, Strandstühle, Flip-Flops, Becks-Flaschen, Angeln aus einem Gully und Badeshorts auf ein Bild bringt. Ich lehn mich da gerne etwas aus dem Fenster und tituliere das als innovativ. Und dann sind die beiden Herren, GranTill und Nynjoe, in den Strandstühlen auch noch keine gänzlich unbekannten Kerle mehr, konnten bereits ihr Debüt „All You Can Eat“ veröffentlichen und bei „Feuer über Deutschland II“ mitwirken. Da hört man als Rezensent doch gerne mal rein.

Alles beginnt mit einem jazzig angehauchten Opener mit schönem Groove, dem die inoffizielle Hymne der Rohdiamanten, „R.O.H. Muzik“ folgt. Zeit ist Geld, also nix wie weiter zum ersten Feature, das in Form vom Retrogott auf „Ich mach das für dich“ überzeugt und eine schickes Instrumental veredelt, das auf die Kappe von Ted Arm geht. Ordentlich swingt auch das auf Party getrimmte „Schnaps und dicke Mädchen“ mit Willi, das humorvoll aus den Boxen dringt. Zur Halbzeit der Spielzeit kann also ein durchaus ansprechender Eindruck vermittelt werden, der Lust auf die zweite Hälfte macht.

Diese beinhaltet das kritische Töne anschlagende „Politics“, bei dem Pianoklänge den Ton angeben und „Roadtrip“. Dahinter verbirgt sich ein Track, der für großartige Unterhaltung sorgt. Lyrisch wird hier quasi die nächste Klassenfahrt nach Holland vertont. Als Freund des Landes von Käse, Holzschuhen und Tomaten aus Gewächshäusern springt bei mir der Funke auf Anhieb über und Holländisch als Sprache ist einmal mehr der Hit, besonders wenn dabei munter die akustische Gitarre mitspielt. Fehlt noch das schöne „Fühlen das ich leb“ mit dem Organ von Eylem, das sich hören lassen kann und der große Feature-Track „Applaus Für Scheisse“. Hier geben sich neben den Rohdiamanten noch Ercandize, Sinuhe, Inzoe und Daez die Klinke in die Hand – also darf ruhig applaudiert werden.

Und schon hat man einen recht übersichtlichen Überblick von „Schlechter als Erwartet“. Die ganze Veranstaltung hat etwas von der Anti-Attitüde anderer Kollegen, so mit Mittelfinger in dein Gesicht und so. Aber ohne dieses zwanghaft provozierende Getue an den Tag zu legen, das mir persönlich gar nicht zusagt. Eine gute Mischung, die sich hier auf 15 Tracks ausgebreitet hat und das Album zum Tipp für Freunde Deutschraps macht, die diesen nicht ausschließlich aus den Berliner Problembezirken kennen. Dem Titel zum Trotz also besser als erwartet.

Mittwoch, 2. Dezember 2009

B.E. - Sein Oder Nichtsein




Und wieder ein Debütalbum, das den Weg zu „Resurrection of Rap“ gefunden hat, wenn das mal kein gutes Zeichen für die deutsche Rapszene ist. Dieses Mal im Blick: B.E. – 85er-Jahrgang, geboren im Libanon, seit 2000 am Rappen und bekannt durch seinen Auftritt auf dem Hip Hop Open Minded 2009 in Mannheim, bei dem er an der Seite von Nazz die Bühne füllte und die Zuschauer begeisterte. Sieht ganz danach aus, als sei es die logische Konsequenz, dass mit „Sein oder Nichtsein“ das erste Album folgt. Dieses beinhaltet achtzehn Stationen und erscheint über Rubin Music, das einen außerordentlich guten Ruf genießt und vor allem mit dem großartigen Duo Nazz-N-Tide assoziiert wird.

Für gewöhnlich kreidet man Debütalben ja gerne mal an, dass der Künstler noch nicht die nötige Reife besitzt um ein ganzes Album auszufüllen, noch nicht genug zu sagen besitzt, sich wiederholt und im schlimmsten Falle gar hinter dem Mikrofon eine noch stark verbesserungswürdige Performance zum Besten gibt. Um damit gleich mal aufzuräumen, bei B.E. trifft keiner dieser Kritikpunkte zu. Nehmen wir etwa gleich Fahrt auf und widmen uns den Themen, die „Sein oder Nichtsein“ ausmachen. Da wäre der mittlerweile allgegenwärtige Track für bzw. gegen Deutschland („Das ist Deutschland“), der nicht mit Kritik spart. Dort wäre der lustige und kunterbunt gefüllte Track („Diätsong“), ein Stück für den Libanon („Heimatliebe“) und natürlich darf auch B.E. mal ran ans Representen („Merk dir den Namen“).

Technisch wird das Ganze sauber vorgetragen mit angenehmer Stimme, die auch nach dem x-ten Track noch nicht zu nerven beginnt und die Worte klar und verständlich in die Gehörgänge transportiert. Hinzu kommen ausgewählte Gäste, darunter Olli Banjo und Nazz-N-Tide, aber auch eher unbekannte Namen wie Spyco (B.E.s Bruder), Najeeb oder Louisa Lettow. Mit deren Hilfe sind einige wirklich dufte gestaltete Minuten zusammengekommen, etwa der abwechslungsreiche „Flowmarkt“, bei dem mit Flows variiert wird, dass man im einen Moment Tupac auf Deutsch zu hören bekommt, ein paar Augenblicke später dann schon den auf Auto-Tune gepolten Chartrapper. Den Höhepunkt markiert allerdings das emotionale „Sterbebett“, bei dem von der Leistung der Akteure (B.E., Nazz & Tide) über den Text bis hin zum atmosphärischen Beat wirklich alles passt. Ja selbst die von Nazz vorgetragene Hook fügt sich wunderbar ein und so rangiert „Sterbebett“ ganz weit oben in der persönlichen Hitliste. Ganz große Rapkunst, die man so noch öfter hören möchte.

Leider schafft es noch nicht jeder der Stücke auf ähnliche Weise zu überzeugen, „Micathlet“ muss hier als Beispiel herhalten, das keinen bleibenden Eindruck hinterlässt, obwohl hier technisch nichts falsch gemacht wird. Wer auf seinem Debüt jedoch schon Olli Banjo als Feature gewinnen und mit diesem ordentlich über den ehemaligen US-Präsidenten herziehen kann, dessen Karriere sieht durchaus rosig aus. Gerade dank der ernsten Tracks möchte man sowas in Zukunft gerne öfters hören. Mehr davon, bitte.

HSC - Post




Als ich das erste Mal von HSC hörte, dachte ich, um ehrlich zu sein, zunächst an einen Sportverein. Eine kurze Online-Recherche ist man aber bereits um einiges schlauer. So weiß man im Anschluss, dass HSC für die Hörspielcrew steht, eine aus Wien kommende Rap-Formation bestehend aus P.Tah, Source One und Mensmentis. Womit eine weitere Veröffentlichung aus dem schönen Österreich den Weg direkt auf meinen Schreibtisch gefunden hat. Und wieder herrscht Spannung und die Frage, ob es sich um einen weiteren hochklassigen Release der Qualitätskategorie Skero oder Kamp & Whizz Vienna handelt. Die Tatsache, dass erwähnter Kamp als Gast vertreten ist, lässt jedoch bereits erahnen, dass „Post“, so der Name ihres mittlerweile dritten Albums, nicht so wirklich schlecht sein kann.

Los geht es aber erst einmal mit „Zetler“ und Milkman als Feature, ein Track, der mich in den Anfangssekunden stets an „Rollin‘ On Chrome“ von den Aphrodelics erinnert. Mit dem Unterschied, das hier sowohl mit starkem Dialekt gerappt wird, als auch in sauberem Hochdeutsch und etwas Raggamuffin-Flavour findet sich dann auch noch im frohen Mix. Es folgen satte Claps („Can’t Diss“), elektronisch angehauchte Instrumentals mit Dizzee Rascal-Vocals („Schwer“) sowie munter zur Bewegung anregende Stücke („Klub 3“).

Darauf gibt es mal humorvoll vorgetragene, mal ernst gehaltene Aussagen, die durch die Bank richtig amtlich eingespielt wurden und technisch auf jeden Fall zu den besseren Sachen zu zählen sind, die man bislang so gehört hat. Da fügt sich dann auch ein Meister seiner Klasse wie Kamp wohlig in das funktionierende Gesamtgefüge, bestehend aus Mensmentis, kurz M.M., Instrumentalen und den Reimen von Source One und P.Tah.

Als Höhepunkte von „Post“ möchte ich an dieser Stelle jedoch ganz klar „Zruck“ nennen. Wirklich erstklassig, wie hier die Stimmen der Interpreten mit dem elektrischen Beat verschmelzen und ein richtig großartiges Stück Musik entstehen lassen. Nicht minder beeindruckend auch das Album abschließende „Das wars“, bei dem P.Tah die verbalen Muskeln spielen lässt und viereinhalb Minuten wie im Flug vorbeiziehen lässt. Sowas hat echte Klasse.

Kurzum also wieder erschreckend gute Arbeit, die da aus Wien tönt. Am Besten also Cover merken und auf die Suche nach vorliegendem Album begeben, das nur durch den aufgeklebten Sticker verrät, um wen oder was es sich handelt. Für Entdecker und alle, die Lust auf was Neues haben also eine klare Empfehlung wert. Dufte.

Dienstag, 1. Dezember 2009

Tech N9ne - K.O.D.




Personen wie Aaron Yates aka Tech N9ne nennt man allgemeinhin wohl Arbeitstiere. In Zeiten, wo so mancher Künstler gerne mal eine Veröffentlichung hinauszögert oder ein und das selbe Album mit einer Hand voll neuen Tracks neu aufwärmt, haut der Mann kontinuierlich einen Langspieler nach dem nächsten raus. Nach „Killer“ aus dem Jahre 2008 und der Kollabo-Sammlung „Sickology 101“ folgt mit „K.O.D.“ bereits das dritte Album innerhalb weniger als zwei Jahren. Doch was wird dem Hörer dabei eigentlich untergejubelt? Billiger Ramsch, der in Akkordarbeit aufgenommen und raus geschleudert wird um das schnelle Geld zu kassieren? Nun, diese Frage lässt sich einzig und allein nach ausgiebigem Hören des neuen Werkes mit Gewissheit beantworten.

Zunächst gilt jedoch schon einmal festzuhalten, dass das Artwork von „K.O.D.“ mit das Geilste ist, was mir dieses Jahr so in die Hände geraten ist. Liebevoll herausgearbeitete Krähen auf dem Cover, Spuren von Blut auf der Rückseite und natürlich auch das Innenleben der CD, welches das Thema „Dunkelheit“ geradezu ideologisch umsetzt. Bedrohlich geröteter Himmel, kahle Bäume und ganze Schwärme von pechschwarzen Raben – Alfred Hitchcock hätte seine wahre Freude daran gehabt. Wenn die Musik nur im Ansatz mit so viel Leidenschaft umgesetzt wurde, dann darf man zu Recht große Taten erwarten.

Und auch die Tracklist macht alles andere als einen schlechten Eindruck. Da zählt man insgesamt 23 Anspielpunkte, verteilt auf drei ‚Kapitel‘: Anger, Madness und The Hole. Auf diesen kommen neben dem Technikvirtuosen selbst auch seine Handlanger vom Strange Music Camp zu Wort, namentlich Krizz Kaliko, Kutt Calhoun, Skatterman, Big Scoob und Brotha Lynch Hung. Doch damit nicht genug, lud sich der King of Darkness noch Verstärkung aus Memphis (Three Six Mafia) bzw. New York (Bumpy Knuckles) ein.

Soweit die Fakten, nun geht es los mit den ersten 8 Stationen, die unter der Überschrift „Anger“ stehen: Die Show eröffnet das stimmungsvolle „Show Me A God“, ein verheißungsvoller Beginn, der Tech N9ne in bestechender Form zeigt. Was folgt ist eine musikalische Großtat nach der Nächsten. Das fesselnde „Demons“ mit Three Six Mafia, das düstere „Blackened The Sun“ samt klasse Vocals von Krizz Kaliko, ein treibendes „Check Yo Temperature“ mit einer hungrigen Sundae und das doch überraschende Feature von Freddie Foxxx aka Bumpy Knuckles auf „B. Boy“. Ganz starkes Drittel.

Es folgt der als „Madness“ betitelte Mittelteil, der im Vergleich zu Vorhergegangenem etwas das Tempo in den Instrumentals rausnimmt, nicht jedoch den ungebrochenen Reimfluss des Meisters bremst. Dieser bearbeitet vom lethargischen Bassbeat eines „In The Trunk“ (checkt die wunderbaren Streicher!) über das lustige, technisch eindrucksvolle „Pinocchiho“ bis hin zum monoton vor sich hin gehendem „It Was An Accident“ mit Alan Wayne schlicht alles was ihm in die Quere kommt. Erstaunlich dabei die lyrische Präsenz, die Tech N9ne ausstrahlt, wenn er beispielsweise auf letztgenanntem Stück links ausschert und auf der Überholspur ordentlich aus Gaspedal drückt – das sind die Momente, die ihn in Kanas City zu einer lebenden Legende werden ließen.

Fehlt nur noch das letzte Drittel „The Hole“. Auf diesem wird auch mal etwas ausprobiert, so auf „Low“. Nicht etwa der rockige Touch der Hook ist hier gemeint, sondern erneut der Interpret selbst. Dieser spielt mit seiner Stimme und variiert Stimmlage und Geschwindigkeit mit einer Leichtigkeit, die man glatt als Meisterleistung titulieren möchte. Schön auch, dass mit „Leave Me Alone“ beattechnisch was versucht wurde, wenngleich die Hook durchaus gewöhnungsbedürftig ins Ohr geht. Zum Ende hin gibt es dann noch den Titeltrack „K.O.D.“, der großartig die Atmosphäre des Albums in einem Track einfängt und last but not least „The Martini“ bei dem Krizz Kaliko einmal mehr seine Qualitäten als Sänger unter Beweis stellt, während Tech N9ne den Geschichtenerzähler gibt. Ein mehr als niveauvolles Ende, das das Album schön ausklingen lässt.

Um also auf eingangs gestellte Frage zurück zu kommen: „K.O.D.“ ist alles andere als ein Ramschkauf und Tech N9ne bietet seiner treuen Hörerschaft ein vollgepacktes, qualitativ äußerst ansprechendes Release, das für den Moment kaum Wünsche offen lässt. Folgerichtig gibt es von mir eine klare Empfehlung. Tolles Teil.
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Review ebenfalls erschienen auf RapSpot.de

50 Cent - Before I Self Destruct




Darf ich vorstellen: „Before I Self Destruct“, Studioalbum Nummer Vier in der Discographie des Curtis Jackson, allseits bestens bekannt unter seinem Künstlernamen 50 Cent. Zwar büßt der ehemals dominierende New Yorker seit Jahren kontinuierlich Aufmerksamkeit, Verkaufseinheiten und Respekt ein und auch die G-Unit erlebte schon bessere Zeiten. Von der gänzlichen Irrelevanz ist der Geschäftsmann/Schauspieler/Rapper aber immer noch weiter entfernt als der übernächste Straßenrap-Clown um die Ecke. Weshalb auch beim vierten Streich wieder alle Augen auf ihn gerichtet sind. Zeit also für eine kurze Bestandsaufnahme.

Bei aller Objektivität, die man als Rezensent an den Tag legen sollte, muss man sich jedoch bereits im Vorfeld eingestehen, nicht ganz frei von Vorurteilen an die Sache heranzutreten. Zu sehr stand der Mann aus South Jamaica, Queens, in den Post-Zweitausendern im medialen Rampenlicht. Ebenso ließen sich qualitative Rückgänge auf dessen zuletzt veröffentlichten Alben kaum schön reden. Umso erfreulicher nimmt man folglich Fiftys Einladung „The Invitation“ wahr, das den Anfang von 15 Stücken (+ 1 Bonus Track) markiert. Wütend ins Mic spuckend, geraten unschöne Promotion-Aktionen wie die mit Fat Joe, mehr und mehr in den Hintergrund.

Auch an „Then Days Went By“ kann man durchaus Gefallen finden, erinnert die Sing-Sang-Hook mitunter an die ganz großen Tage des Künstlers, wie auch das mit Hilfe von Dr. Der produzierte „Death To My Enemies“. Bietet es sich hier noch an am Instrumental zu mäkeln, das für Dre’sche Verhältnisse allenfalls durchschnittlich abschneidet, darf man gerademal zwei Tracks später mit „Psycho“ dem Doktor gratulieren. Zusammen mit Eminem erschuf man ein sauber einfahrendes Gerät, bei dem vor allem 50 selbst überzeugt.

Erfreulich präsentieren sich auch Tracks wie „Crime Wave“, „Ok, You’re Right“ oder das von Havoc böse ausproduzierte „Gangsta’s Delight“, welches quasi das straßentaugliche Pendant zur Sugarhill Gang darstellt. Hier zeigen sich die Qualitäten, die Fifty einst zum Liebling aller machte. Auf treibenden Instrumentalen mit unwiderstehlichem Straßenflair, entfalten sich die kriminellen Straßenanekdoten bestens und unterhalten damals wie heute. Leider finden sich auf „Before I Self Destruct“ auch Lieder jener Sorte, die allzu offensichtlich auf Erfolg getrimmt wurden und arg gestellt ins Ohr gehen.

„Hold Me Down“ zum Beispiel ist schon beim ersten Hördurchgang ein klarer Kandidat für die Skip-Taste und auch wenn die Meinungen über „Baby By Me (ft. Ne-Yo)“ auseinandergehen, muss man feststellen, dass hier etwas nicht wirklich zum übrigen Sound des Albums passt. Ähnlich verhält es sich mit „Do You Think About Me“, dem man nichts abgewinnen kann. Hinzu kommen zahlreiche Stücke, die weder enttäuschen noch begeistern, sondern wenig beeindruckend vor sich hin laufen, wozu man auch das R. Kelly-Feature auf dem Bonus „Could’ve Been You“ zählen darf.

Fasst man also zusammen, schneidet „Before I Self Destruct“ zufriedenstellend ab. Ein paar handfeste Banger auf der einen, ein paar käsig wirkende Chart-Anvisierungen auf der anderen Seite, bleibt festzuhalten, dass noch viel aufzuholen ist um an die alten Zeiten anzuknüpfen. Gelegentlich blitzt der alte Fünfziger aber noch auf und das sorgt für Freude – fehlende inhaltliche Weiterentwicklung hin oder hier.
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Nicht wundern, wenn ihr dieses Review auch auf HipHopHolic lest. Ab sofort werde ich auch dort Reviews präsentieren und 50 Cent macht den Anfang.

Montag, 30. November 2009

Tim Plus - Nächster Halt




Das Jahr 2009 neigt sich langsam aber sicher dem Ende entgegen und während hier und da schon mal vorsichtig nach dem besten Album des Jahres gesucht wird, stellt sich zugleich auch die Frage, was Rap, insbesondere auf Deutsch, die letzten Monate besonders ausgezeichnet hat. Denkt man an Jonesmann & Olli Banjo oder Kollegah & Farid Bang, möchte man eventuell vom Jahr der Kollabo-Alben sprechen, welche auch international immer beliebter wurden respektive werden. Man kann jedoch auch an die zum Teil richtig vielversprechenden Debütalben so mancher Künstler denken, die endlich ihren ersten „Album“-Eintrag in ihrer Discographie hinzufügen konnten. Spontan fallen mir da Namen wie Chefket oder Vega ein. Doch wenn alles stimmt schafft es auch der noch vergleichsweise unbekannte Tim Plus mit seinem Debüt „Nächster Halt“ in die Riege der erfolgreichen Debütanten vorzudringen.

Seine zwölf Stücke umfassende Bewerbung macht zumindest schon einmal Lust und Hoffnung auf einen neuen, interessanten Charakter im Deutschrap-Zirkus. Hinzu kommt die Tatsache, dass ein nicht ganz unbedeutender Künstler namens Clueso ihn schon jetzt zu den Top 10 Newcomer zählt und das möchte ja etwas heißen. So kommt es, dass man sich binnen kürzester Zeit mittendrin im Geschehen wiederfindet und von einem auf dem Boden gebliebenem Kölner empfangen wird, der einem sogleich „Pappkartons“ in die Hände drückt. Diese sind gefüllt mit Reimen, die Bilder im Geiste entstehen lassen, fein und freundlich instrumentalisiert und mit gesungenem Refrain, der durchaus an erwähnten Clueso erinnert.

Einen Vergleich, den sich Tim Plus wohl oder übel gefallen lassen muss, zumal auch er gerne organisch unterwegs ist und sich die Unterstützung einer Band sichert, was live erst vollends zur Geltung kommt. Aber auch auf CD macht die Sache Spaß. Ob „LLM“ (steht offenbar für Lieblingsmusik), „Saubermann“ oder „Round N Round“, das alles ist unterhaltsamer, gut gemachter, locker eingehender Rap mit Refrains, die im Ohr hängen bleiben. Wem das zu langweilig klingt, dem möge gesagt sein, das mit dem ulkig betitelten „Oink Oink“ bspw. ein richtig Alarm machender Track mit von der Partie ist.

Tims Texte bewegen sich dabei konstant auf außerordentlich gelungenem Niveau und lassen nie und nimmer glauben, es hier mit einem Debüt zutun zu haben. Inhaltlich wird vornehmlich Alltägliches innerhalb der Zeilen verarbeitet, wobei man zu keiner Zeit das Gefühl vermittelt bekommt, x-mal das Selbe aufgesetzt zu bekommen. Im Gegenteil, „Uschi & Renate“ möchte man als kreativen Höhepunkt festhalten, während „Was Bewegen“ das musikalische Highlight darstellt.

Zwar fesselt nicht jeder der Tracks auf die gleiche Art und Weise, im Großen und Ganzen wurden Fehltritte ausgelassen und ein Debüt auf die Beine gestellt, das für mich zu den besten Erstlingswerken des Jahres zählt. Interessant sicher auch für Freunde von Clueso und Dendemann, die man zu Tim Plus musikalischen Verwandten zählen kann. Sehr gut gemacht das Alles.

Donnerstag, 26. November 2009

Jai spricht: über Reviews (aka Rezensionen)

Es ist mal wieder Zeit für ein offenes Gespräch. Dieses Mal befinden sich Reviews im Fokus. Ein Thema, das in Anbetracht der inzwischen respektablen Anzahl an Rezensionen auf Resurrection of Rap durchaus Sinn macht. Denn natürlich schreibe ich nicht nur selbst, sondern lese mir auch allerhand Reviews anderer Seiten und Rezensenten durch, wodurch man früher oder später anfängt sich mehr Gedanken über das zu machen, was man schreibt und vor allem wie man schreibt.

So sind mir bereits mehr als eine Hand voll Seiten und Blogs bekannt, die Rezensionen auf einem sprachlichen Niveau verfassen, dass man nur neidvoll den Hut ziehen kann. Eloquent wie ein junger Dichter wird Zeile um Zeile geschrieben was das Zeug hält, analysiert und bewertet. Nicht selten mit der Folge, dass ich einen Blick ins Wörterbuch wagen muss um die Aussagen des Rezensenten zu verstehen. Noch anspruchsvoller wird es gar wenn es ins abstrakte geht und detailliert über den Klang der Alben berichtet wird. Ohne den Grundkurs in musikalischem Verständnis hat es den Anschein, dass man nur Mutmaßungen über den Inhalt stellen kann. Aber gut, so muss es ja nicht allen anderen gehen, möglicherweise leide ich auch einfach unter einem eingeschüchterten Wortschatz, lese zu wenig anspruchsvolle Bücher und dergleichen.

Hilfe bekomme ich glücklicherweise zumeist von einem ausgeklügelten Wertungssystem, das mir jede Rezension, die ich in mühsamer Arbeit und minutenlangem Lesens verstehen müsste, handlich ins Bildliche übersetzt. Ich selbst habe mir oft schon Ideen über Bewertungen gemacht, spricht der große Vorteil doch für sich – ein klares, für jeden ersichtliches Fazit, eine Note, ein Wert, an dem die Qualität oder der Nutzen eines Albums ersichtlich werden. Hier glaube ich jedoch auch einen Nachteil entdeckt zu haben, denn nur allzu oft wird das geschaffene System, nach dem benotet wird, nicht vollends ausgenutzt. Da gibt es viel Schlechtes, wenig Mittelmäßiges und alle 5 Jahre mal was, das man vorsichtig als „gut“ abstempelt. Die wirklich guten Noten werden gar nicht erst angerührt oder behandelt wie alternatives Gold.

Jetzt höre ich schon die Meute, wie sie aufgebracht ruft „Das entspricht nun mal genau der Entwicklung des Musikgeschäfts!“. Ein Argument, das ich so zwar verstehen, aber nicht unterstreichen würde. Blicke ich zurück auf die Review-Geschichte des Blogs, so zähle ich allenfalls zwei Hände an Alben, über die selbst ich nur wenig Gutes schreiben konnte. Dazu eine breite Masse an gelungenen, wenn auch nicht überwältigenden, Veröffentlichungen und zu guter Letzt aber immer noch etliche wirklich großartige CDs, die man ruhig auch so der Leserschaft präsentieren kann, darf und angesichts des verheerenden Images von Musik, insbesondere Rap, auch muss.

An Kritik wird man als Schreiber von Rezensionen dennoch niemals vorbei kommen, auch ich nicht. Und doch lässt sich auch beim Umgang mit Kritik ein wesentlicher Unterschied zwischen einzelnen Redakteuren feststellen. Während die einen jede Gelegenheit nutzen um die verbale Kriegskeule auszupacken und draufzuhauen was der Künstler hergibt (teils in richtig beleidigendem Deutsch), begreifen andere die Arbeit, die hinter jedem einzelnen Tonträger steckt und verpacken die Kritik höflich und in keinster Weise aggressiv. Vergessen wir nämlich nicht, gerade der nach bester Möglichkeit objektive Umgang mit der Materie hebt den Schreiber von den Lesern ab, die natürlich feste Meinungen über diese und jene Künstler haben sollten. Weshalb ich am Ende meiner gesammelten Gedanken weiter über Aussagen wie „bei dir schneiden die Alben stets viel zu gut ab“ sinniere, letztendlich aber ganz gut mit meiner Art des Schreibens leben kann.

Mädness - Zuckerbrot & Peitsche




Deutscher Sprechgesang – ein herrliches Thema, über das man über einen schier endlos scheinenden Zeitraum diskutieren, streiten und auch nachdenken kann. Gerade als Rezensent fühlt man sich gerade dazu aufgefordert, sich so seine Gedanken über dies und das zu machen, während der Konsument bisweilen nur selten um die Ecke denkt. Vielleicht liegt darin begründet, warum Deutschrap seit Jahren meckert und nach neuem Wind aufschreit, während es mancherorts bereits genau diese frische Brise in Form begabter Reimer gibt. Nur müsste man sich dafür eventuell die Mühe machen und auch mal etwas anderes wahrzunehmen als das, was man bereits fachgerecht auf Musiksendern wie MTV und Viva (dort läuft doch noch ‚Musik‘, oder?) auf den Tisch bekommt.

Wäre dies die Norm, so hätte wohl jeder, der Aggro Berlin oder sido buchstabieren kann wohl auch ein echtes „Unikat“ im CD-Regal stehen. Dem ist nicht so, vermute ich jetzt einfach mal und daher wird man auch kurz erklären müssen, dass es sich bei „Unikat“ um das beachtlich gut von Kritikern aufgenommene Album des gar nicht so wirklich neuen Mädness handelt, welches nun in der Discographie einen Platz nach hinten schreitet und „Zuckerbrot & Peitsche“ weicht. Dieses lädt einen mit reduziertem Synthie-Beat und einem verbal äußerst Schlagfähigen Mädness gleich ein, auf weitere 16 Stücke zu bleiben. Oder auch nicht. Man will ja schließlich niemand zu seinem potenziellen Glück zwingen.

Den Titeltrack, der gleich den Beginn markiert, verdaut, gibt es Stücke auf die Ohren, die man wohl kaum treffender betiteln hätte können. „Querfeldein“ hält sich etwa, eben genau wie es der Titel verrät, mal so gar nicht an strenge Soundstrukturen und wechselt gerne auch mal den Beatteppich innerhalb des Tracks, während „Kein Kompromiss“ mit Olli Banjo keine Gefangenen nimmt. Und wenn wir schon bei den Features sind, nehmen die Gelegenheit gleich beim Schopf und würdigen die eloquenten Gastbeiträge von Morlockk Dilemma („Schöne Menschen“) und Kool Savas (auf dem drückend auf Böse getrimmten „Solche Rapper“).

Hier wird dann auch besonders deutlich, wieso man Mädness auf dem Schirm haben sollte, denn wer mit Savas, Dilemma und Banjo flowt und dabei so gar nicht wirkt wie die Konkurrenz von Usain Bolt auf 100m, der hat ordentlich was auf dem Kasten bzw. im Reim-Repertoire. Weshalb ganz besonders auf „Unterschätzt“ hingewiesen wird, für das der ideale Feature-Gast gewonnen werden konnte, PMA oder auch Patrick mit Absicht ausgeschrieben. Selbst das ungeschulte Gehör muss hier erkennen, dass da Großes hinterm Mikro geschieht.

Nur wenig dessen was Mädness auf „Zuckerbrot & Peitsche“ abliefert, möchte man ernsthaft kritisieren. Da wäre lediglich „Cool“, das mit „From Dusk Til Dawn“-Schnipsel zwar sauber wabbelt, auf Dauer, spätestens nach mehrmaligem Hören, jedoch auch anstrengt. Ähnlich „Schurz“, nur dass hier schon während des ersten Hörens Ermüdungserscheinungen aufzeigen, ganz einfach, weil man nach der wahren Lawine an Synthie-Stücken und Reimvariationen mal eine Pause brauch. Zumal man bei „Damals ist Vorbei“ oder „Hip Hop“ natürlich nicht nur teilnahmslos dasitzen, sondern zuhören möchte. Davon abgesehen geschieht hier auf Albumlänge jedoch allerhand Bemerkenswertes.

Fazit: Mädness ist anders. Er ist talentierter als die meisten Charaktere im Deutschrap, gar keine Frage. Dazu besitzt er einen für sich stehenden Sound, der sich nicht vom gängigen Klangbild abzeichnet und wird so zum waschechten „Unikat“. Jedoch muss man lediglich wohl dosieren, um nicht allzu schnell die Flinte ins Korn zu werfen. Mein Rat daher: Häppchenweise genießen. Dann hat man länger was davon und darf am Ende wieder mal eine der Lieblingsfragen rund ums Thema Deutschrap stellen – „Wer ist der Beste?“.

Mittwoch, 25. November 2009

Snaga & Pillath - II




Das kam überraschend! Da nahm ich in der jüngsten Vergangenheit kaum mehr was wahr von Snagz und Big Pillath und war dann umso erstaunter, als es plötzlich hieß, es kommt ein neues Album unter dem Titel „II“ an den Start. Als Besitzer des „Aus Liebe Zum Spiel“-Albums brauche ich nicht erwähnen, dass mich diese Nachricht erfreute. Sehr sogar. Denn zwar ist der große Hype um den Pott rum, auch Punchline-Dinger fühlen sich nicht mehr so frisch an, doch gerade deshalb fragt man sich natürlich, wie sich ein „II“ wohl so schlagen wird.

CD also eingelegt und zack, bekommt man schon die erste Backpfeife verpasst. Wieder zu sich kommend, stellt man fest, dass es sich nicht etwa um Muttis Gusspfanne handelte, die einen umhaute. Vielmehr war es der „S&P Shit“, der mit knallendem Beat und zwei unverändert pervers spittenden Punchline-Schwergewichten einschlägt wie nichts Gutes. Abriss-Sound wie ihn auch „Kill Kill Kill“ liefert, nur das hier noch etwas Ragga-Flavour mit eingebaut wird. Setzen dann die Reime ein, spürt man förmlich wie sich die Glückshormone mit dem Testosteron im Körper vermischt. Man feiert das alles, hört sich quasi in Rage, während die Organe der beiden antreiben wie der Militärtribun seine Armee.

So lässt sich natürlich kein vierzehn Stücke starkes Album durchhören, weshalb wieder zurückgeschaltet wird in Form von „Ruhrpott“. Klingt nach gewohnter S&P-Pott-Huldigung, klingt auch fast genau so. Fast, denn als Grundlage des Tracks diente gleichnamiges Stück von keinem geringerem als unserem Wolle-Peter, richtig – Wolfgang Petry. Nicht erschrecken lassen, klingt dufte und Scheuklappen standen einem ohnehin nie schlechter als anno 2009.

Kommen wir zu zwei Höhepunkten des Albums. Zum Einen wäre das „La La La“, das klingt, als hätten die Neptunes höchstpersönlich hinter den Reglern gestanden. Tatsächlich aber wars Juh-Dee, der damit die Grundlage für schamloses, arrogantes Gepöbel auf Topniveau lieferte. Zum anderen Pillath mit seinem Solostück „Sag Es Allen“, das sich heimlich, still und leise zum Repeat-Kandidaten mausert. Hier schlägt das Pendel klar in Richtig Pillath, wenngleich Snaga mit seinem Solo „Von Der Gosse Ins Glück“ ebenfalls Amtliches abliefert.

Wirklich neue Gründe zum Meckern bekommt man eigentlich nicht vorgesetzt. Klar, „Asozialen-Lifestyle II“ ohne sido ist natürlich schade, aber verschmerzbar, da die beiden das Fehlen des Maskenmannes gut kompensieren. Und bestimmen nach wie vor Punchlines die Show, was mit der Zeit auch weniger fesselt. Doch so kennt, liebt und wünscht man sich am Ende S&P auch. Wer dennoch nicht drauf klar kommt, der setze sich bitte mit „Hol Mich Raus“ auseinander, in dem zum Herrn da Oben gesprochen wird. Ernster Inhalt, bei dem man deutlich hören kann, dass Pillath und Snaga voll bei der Sache waren, als sie ihre Lines ins Mic rappten.

„Wohin führt uns unser Weg“ fragt das wortgewaltige Duo am Ende von „II“. Nun, mit Sicherheit lässt sich das nicht sagen, aber ich tippe stark darauf, dass es nicht zurück in die Gosse geht. Denn wie sie selbst richtig anmerken: „Keiner macht es so wie wir“. Und bei keinen Punchlines lacht man derart oft wie hier. Und überhaupt ist „Macho-Sound“ für Zwischendurch doch absolut großartig. Um ein letztes Mal zu zitieren: „So muss es sein“. Recht haben sie.

Dienstag, 24. November 2009

Warren G - The G Files




Was würde man nicht alles darum geben um André Young alias Dr. Dre zu seinem Familienumfeld zählen zu dürfen? Ein Wunsch, der naturgemäß lebenslang im Reich Utopia hausiert, für Warren Griffin III jedoch nichts weiter als die Realität darstellt. Als sei es noch nicht genug der Halbbruder des Rap-Doktors zu sein, brachte er selbst es unter dem Namen Warren G zu einigem Erfolg, konnte mit seinem eigenen Debüt „Regulate... G Funk Era“ nicht nur dreifach Platin einheimsen, sondern auch einen wesentlichen Beitrag zur G Funk-Bewegung abliefern. Zwar blieb dies bis dato sein größter Erfolg und angesichts der Entwicklung des Musikmarktes mag dies auch fürs Erste so bleiben, Musik machte bzw. macht der Mann aus dem Sonnenstaat jedoch fleißig weiter. Nach dem kaum beachteten „Long Beach Veteran“ vom letzten Jahr öffnet er nun „The G Files“, sein bereits siebtes Soloalbum.

Stellt sich die Frage was erwartet werden kann von einem Mann, der offenbar kaum mehr genug Relevanz besitzt, um sich selbst bei hartnäckigen Westküsten-Fanatikern über Wasser zu halten? Blickt man aufs Cover, darf man dann aber zumindest gleich mal ein paar bekannte Namen festhalten, die es als Feature auf das 15 Stücke umfassende Werk geschafft haben. Ausgeschrieben liest sich das dann wie folgt: Snoop Dogg, Travis Barker, Raekwon, Nate Dogg, RBX und Ray J. Gar nicht mal so übel, möchte man meinen, auch wenn ein Snoop Dogg beispielsweise sicher nicht die allergrößte Überraschung darstellt und auch RBX sowie Nate Dogg in ähnlichen musikalischen Gefilden überwintern.

Unspektakulär gestaltet sich dann auch der Hörverlauf. „West Is Back“ geht klar, ringt sich ein „gut“ ab und macht begrenzt Freude, „100 Miles And Runnin‘“ bringt gar echte Qualitäten mit (was nicht zuletzt am Chef Raekwon und Nate Dogg liegt), aber mitnehmen tut das einen nicht so richtig. Zumal sich zwischen den wenigen guten Stücken leider viel Material tummelt, das man mit gutem Willen noch als Füllmaterial bezeichnen würde, nicht jedoch als ernsthaften Kaufgrund. Ausnahmen gibt es, neben den beiden erwähnten Stücken, lediglich noch in Form von RBX, der stimmlich immer noch bissig auf „Suicide“ zu überzeugen weiß und Warren G höchstpersönlich. Ganz ohne namhaftes Feature begibt er sich mit „Hold On“ auf in sich gekehrte Pfade und schafft damit noch das letzte Glanzstück, eines ansonsten recht zahnlosen Albums.

Weder Fleisch noch Fisch, dümpeln die „G Files“ in der Masse der Durchschnittlichkeit umher und warten auf ihre große Stunde, die wahrscheinlich niemals schlagen wird. Schade, aber so wird das dieses Jahr wohl nichts mehr mit der Rückkehr auf die Radare der Rap-Fans. Vielleicht macht es der Halbbruder ja eines Tages besser, sofern „Detox“ jemals das Licht der Welt erblicken wird. Indes verpasst man hier zumindest nicht allzu viel.

Massiv - Der Ghettotraum In Handarbeit




Es gibt viele Meinungen über den Wahlberliner Massiv und dessen musikalische Ergüsse. Die einen lieben was er tut, die anderen lächeln müde über die grammatikalischen Fehler und schenken dem Muskelprotz keinerlei Beachtung. Ganz gleich welche Meinung man vertritt, Massiv hat es geschafft. Vom ersten Demo hin zum ersten (Indie-)Label und Deal beim Plattenriesen Sony BMG vergingen nur Wimpernschläge und auch in der öffentlichen Wahrnehmung gab und gibt es nur wenige ähnlich beachtete Künstler. Daran konnte auch das Verlassen von Sony Music hin zu Fight4Music wenig ändern. Im Gegenteil, groß angekündigt machte man sich Hoffnungen auf einen brauchbaren Release – inklusive einiger, eher personeller, Überraschungen.

„Der Ghettotraum in Handarbeit“ also, ein Titel, der für nicht wenige bereits zu viel des Guten sein dürfte. Hinzu kommt ein Cover, dass wohl selbst hartgesottenen Massiv-Freunden ein Schmunzeln auf die Lippen zaubert. Sich hiervon nicht beeinflussen zu lassen und voreilige Schlüsse auf die hier enthaltene Musik zu ziehen, fällt nicht unbedingt einfach. Doch genug der Äußerlichkeiten, Zeit sich mit dem in kürzester Zeit entstandenem Album und den insgesamt 17 Tracks auseinander zu setzen.

Und schon beim einleitenden „Intro (Sony Rechtsabteilung)“ wird man positiv überrascht. Böse und von Hass geprägt gibt Massiv eine ansprechende Figur ab, schießt munter gegen seine einstige Major-Heimat und macht fürs Erste alles richtig. Im Anschluss folgt mit „Welcome To The Ghetto“ ein unschön betitelter Synthie-Brecher-Beat, der mit großkalibrigen Straßenraps bestückt wird. Das versprüht zwar nicht den Hauch von Weiterentwicklung, ist jedoch allemal willkommener als ein „MAS Techno“. Eine Rückkehr zu den Wurzeln stellt dann das Feature des einstigen Wegbereiters Basstard dar, mit dessen Hilfe „Eiszeit“ ordentlich pusht und nach Vorne geht, inklusive Seitenhieb an Oli.P.

Soweit ganz gut, kommt nun etwas Langeweile auf. Ob „Original Massiv“, „Gangster-Rap Tag Team“, „NaNaNaNa“ (Liedtitel des Jahres 09, irgendwer?) oder „Oberarme angespannt“, inhaltlich verpasst man hier wenig bis gar nichts. Da hilft dann auch ein Kollegah-Feature kaum weiter. Allenfalls den Instrumentalen kann man ein kleines Lob abgewinnen, wobei man Abaz‘ Produktionen besonders herausheben möchte. Das war es dann fürs Erste mit der alten Härte, nun folgt der softe Mittelteil des Albums, der zwischen Melancholie und Kitsch balanciert, aber dennoch für Abwechslung sorgt. Zumal mit sido auch namhafte Prominenz auf den Feature-Rängen vertreten ist.

Kaum der Rede wert sind dann noch Anspielstationen wie „Wir sind Fleischfresser“, welches die Serie der melancholischen Reime beendet und den durchgemischten Schlussteil einleitet. Dieser beherbergt ein Gastspiel von Senna, manchem bekannt durch die Popstars-Gruppe Monrose und „My Life“, ein Track, der richtig gut einfährt. Massiv darf sich hier ein weiteres Mal bei Abaz bedanken, der ein vom Pathos geschwängertes Instrumental schneiderte, das noch so große textliche Fehltritte vom Rapper vergessen lassen würde.

Letztlich wurde „Der Ghettotraum in Handarbeit“ ein durchschnittliches Album, das keine 180°-Wende im Stile des Massivs darstellt - eine leicht positive Tendenz möchte man dennoch ausmachen. Lediglich das Werben von „Blut gegen Blut 2“, das nächste bereits in Arbeit befindliche Album Massivs, im Innerteil des Albums hinterlässt einen faden Beigeschmack.
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Montag, 23. November 2009

Waxolutionists - We Paint Colors




Rap aus Österreich erfreut sich dieser Tage enormer Beliebtheit und bekommt mehr Aufmerksamkeit als man es sich vor einigen Monaten noch hätte wünschen können. Als wäre dies nicht schon erfreulich genug, profitieren vor allem die etablierten Namen des Landes davon und ernten auch außer Landes den verdienten Respekt. Nachdem Kamp etwa mittlerweile jedem halbwegs anwesendem Deutschrap-Teilnehmer etwas sagen dürfte, kommt nun das renommierte Wiener Produzenten/DJ-Trio, die Waxolutionists, mit „We paint colors“ erneut auf die Bühne. Bereits zum fünften Mal in Albumform und bestückt mit Features von allerlei illustren Namen, darunter Dave Ghetto, DJ Vadim, Hezekiah, Frank Nitty (Frank-N-Dank) und Blu.

Womit einem auch glatt das erste, noch zurückhaltend nüchtern gehaltene ‚schick‘ des Mundes entwischt, bevor DJ Buzz, DJ Zuzee und Bionic Kid den Startschuss freigeben. Ein obligatorisches Intro und schon gibt es mit „Flashlight“ das erste erwähnenswerte Stück des Albums, das entfernt an Nicolay erinnert, was durchaus als Kompliment zu verstehen ist. Gar zum Verlieben präsentiert sich der Export aus L.A. Blu, mit dessen Hilfe „Steel Remains“ entstand, das sofort notiert wird und das Prädikat „sehr gut“ erhält. Und wer schon immer mal wissen wollte wie Norman Greenbaums „Spirit in the Sky“ in düster und verschroben klingt, dem sei „Bleak Prophecy“ ans Herz gelegt.

Unterstützung aus dem deutschen Lande gibt’s unter anderem von Blumentopf-Roger, der gemeinsam mit Eigenbrötler Flowin Immo und Manuva an „Showbiz“ mitwirkte. Herausragende Leistungen möchte man ebenso der Feature-Formation Mystic, Dave Ghetto und Hezekiah zusprechen, die gleich zwei Mal als Trio in der Gästeliste auftauchen und mit „Dance With Me“ ein tolles Stück Musik auf den Leib geschneidert bekommen haben, das entspannt und im selben Moment auf die Tanzfläche entführt. Alleine solch eine Form der Ungleichheit zu lesen, birgt schon etwas Einzigartiges, das Ganze dann aber auch zu erleben, lässt sich nur allzu schwer umschreiben.

Die Waxolutionists, kurz Waxos, knüpfen jedoch auch an Altbewährtes an. „Field Of Wonders“ mag da als Beispiel für eher gewohnten, bekannten Waxos-Sound herhalten oder aber die erneute Fortsetzung der „Freifach Musik“, das sich mehr und mehr zur festen Säule im Universum der drei Wiener mausert. Zwar wird das alles streng rational hörenden Mainstream-Ohren zu weit entfernt von bekannten Klängen sein, doch der Erfolg gibt den Waxos schlussendlich recht.

Sonntag, 22. November 2009

Mnemonic - Zeitlos




Die Zeit, des einen Freund des andern Leids. Man kann stundenlang darüber philosophieren, ganze Romane damit füllen (man denke nur an Francois Lelord und dessen Hector) oder ein Album aufnehmen, dessen zentrales Thema eben die Zeit darstellt. Für letztere Möglichkeit entschied sich der Mannheimer Mnemonic im Jahr 2006 und veröffentlichte über die Qualitätsschmiede Kopfhörer Records das dreizehn Stücke umfassende „Zeitlos“.

Nun lassen sich die Künstler, die noch Gewicht in ihre Worte legen, an einer Hand abzählen. Das war vor drei Jahren so und hat sich bis heute nur geringfügig verändert. Nach wie vor hat man es mit tiefgehenden Texten schwer, die Masse auf sich aufmerksam zu machen. Anerkennung bekommt man allenfalls noch von den wenigen echten Musikfreunden, die nicht selten selbst aktiv dabei sind. So auch bei Mnemonic, der seit Tag Eins auf die Unterstützung von zahlreichen bekannten Produzenten zählen kann. Auf „Zeitlos“ finden sich so Produktionen von unter anderem Brisk Fingaz, Shuko, CSP & DJ Crates.

Inhaltlich bekommt der Endverbraucher ernste, melancholische Texte, bei denen das Mitlesen durchaus nicht schadet – ein Glück, dass das Booklet Zeile für Zeile enthält und so genaue Studien über Thematik und Aussage der einzelnen Tracks erlaubt. Doch auch wer weniger Wert auf Lyrics gibt, findet Gefallen am Klangbild des Gesamten. Seien es die Hochglanzproduktionen erwähnter Beatbastler oder aber einfach die stimmgewaltigen Charaktere, die zu Worte kommen. Mnemonic selbst verfügt etwa über ein eindrucksvolles Organ und auch die Feature-Gäste, namentlich Donato, Lunafrow und Dek The Raw, haben einprägsame Stimmen.

Gesprochen wird über die ungewisse „Zukunft“, die „Schieflage“ in jedem selbst, das „Kommen & Gehen“, aber auch über den Künstler selbst erfährt man einiges, wenn „Wie ich bin“ erklingt. Dabei schwingt stets eine bedrückende Schwere mit, die den alltäglichen „Gegenwind“ nicht ausblendet, sondern berücksichtigt. Das macht Mnemonic nicht nur zu einem talentierten Schreiber von Reimen, der hörbar viel Liebe für Rap übrig hat, es macht ihn auch zu einem auf den Boden gebliebenem Rapper, mit dem gerne selbst einmal ein paar Worte wechseln würde. Und letztlich natürlich auch zu einem Künstler, dem man den ein oder anderen Erfolg wünscht. Deutschrap, der sich hören lassen kann.

Donnerstag, 19. November 2009

David Battle - Absolute Niceness




Nein, der hier erwähnte David Battle bedient sich keines Künstlernamens, um das gleich mal von Beginn an klar zu stellen. Aber ja, beim Stichwort ‚Battle‘ begrüßt man gerne auch diesen Herrn hier am Mic, dessen erklärte Leidenschaft der Battlerap-Zirkus ist, gewürzt mit einer Prise Representern. Gut, klingt jetzt nicht wirklich neu und unverbraucht, aber als eine Hälfte des Berliner Duos „Battle Rapp“ hat das vermeintlich einfache Rezept schon beachtlich gut funktioniert. Mit sido-Feature und hochkarätigen, schnellen Parts ausgestattet konnte deren "Epo$“ für die ein oder andere gern gehörte Überraschung sorgen. Seitdem sind bald 5 Jahre ins Land gestrichen und jeder weiß, dass sich in dieser Zeit, besonders im Musikbusiness, einiges ändert. Fragt sich also, wie sich das Soloalbum von Herrn Battle im Jahre 2009 so schlägt.

Beginnen wir bei David Battle selbst und dessen Fähigkeiten als Rapper, die durchaus nach der ersten Hörprobe auf Anhieb erkennbar sind. Rasant vorgetragene Reime im typischen Battle-Schema ohne große Fauxpas und eine Stimme, die weder nervt noch langweilt, sind dabei nur die offensichtlichsten Pluspunkte des Berliners. Man hat es hier mit einem geborenen Battle-Sympathisanten zutun, keine Frage. Kommen wir nun zum Kern der Sache, dem vorliegenden Album, welches „Absolute Niceness“ verspricht. Was genau darunter zu verstehen ist, ist dabei zwar selbstverständlich eine Sache des individuellen Geschmacks, aber da mit dem eingedeutschten Wörtchen „nice“ doch überaus positive Dinge in Verbindung gebracht werden, darf einiges erwartet werden. Umso trauriger scheint es dann nach dem ersten Hördurchlauf also, wenn man sich bewusst wird, dass die hier versammelten neunzehn Anspielpunkte weder vom Sitz reißen, noch zur tiefen Depression aufrufen. Hier präsentiert sich durchweg annehmbare Rap-Kost, die viele Konkurrenten hinter sich, aber auch noch eine gute Handvoll vor sich lässt.

Sicher, Stücke wie das durchaus gelungene „Großstadtdschungel“, welches mit zum Spitten einladenden Beat überzeugt oder das von hektischer Gitarre begleitete „Amore Gitane“ machen Spaß und lassen sich gut hören. Ebenso aber gibt es auch Tracks wie „Mic und Ich“, bei dem bis zum Schluss der überspringende Funke vermisst wird und „Alle Vöglein“, ein Track, bei dem gestritten werden darf, ob das als gut gemachte Partymucke taugt, oder doch unausstehlich in der Ecke liegen gelassen und erbarmungslos die Skip-Taste gedrückt wird. Negatives Aushängeschild ist dann aber doch noch das bittere „Vor Mitternacht“, das man sich so leider hätte getrost ersparen können, denn seien verzerrte Stimmen in der Post-Auto-Tune-Hochsaison nicht so schon schlimm genug, kommt einem bei auf deutsch vorgetragenen Verzerr-Reisen schlicht das blanke Grauen in die Gehörgänge. So möchte man Deutschrap nicht hören und schon gar nicht jemanden wie David Battle, der eigentlich weitaus mehr Qualitäten vorzuzeigen weiß und sich vielleicht auch öfters mal an ruhigere Themen machen sollte. „Ehrlich währt am Längsten“ ist nämlich dann noch einer der Anspielpunkte, die man sich das ein oder andere Mal geben kann.

In der Gesamtheit leider dennoch ein allenfalls durchschnittliches Album, welches man nicht wirklich gehört haben muss. Ob das nun daran liegt, dass wir eine 9 nach der 0 schreiben sei dahin gestellt, Fakt ist jedoch, dass die „absolute Niceness“ dann doch etwas auf sich warten lässt. Schade, aber vielleicht zündet dann der nächste Release wieder etwas mehr. Darüber freuen würden wir uns allemal.

Mittwoch, 18. November 2009

Fat Joe - J.O.S.E. 2




Und wieder eine Fortsetzung. Nachdem Raekwon vor gar nicht allzu langer Zeit seinen zweiten Teil von „Only Built For Cuban Linx“ an den Start brachte, zieht nun das Schwergewicht aus der Bronx nach. Acht Jahren nach dem ersten „Jealous Ones Still Envy“, kurz „J.O.S.E.“ und einen doch fragwürdigen Albumtitel („The Elephant In The Room“) später geht es in die zweite Runde. Dieses Mal mit an Bord: Zwölf Stücke, die mit Gastbeiträgen von Lil Wayne, Swiss Beatz, angesprochenem Raekwon, Lil Kim sowie den beiden Erfolgsgaranten Akon und T-Pain allerhand Namhaftes für die Hörer bereithalten.

Liest sich amtlich und wie ein Wer ist Wer der jüngeren Erfolgsgeschichte von Rap, markiert aber für die ohnehin schon voreingenommenen Gegner des beleibten Joes den ersten Kritikpunkt. Denn wirklich mutig, experimentierfreudig oder neuartig präsentiert sich das alles nicht. Viel mehr wirkt dies wie ein von vorne bis hinten durchkalkulierter Plan, möglichst große Erfolge zu erzielen. Riskant, bedenkt man, dass der Mann damit die bedeutsame Vergangenheit aufs Spiel setzt, die ihm nicht wenige noch anrechnen, aller Chartanvisierungen zum Trotz. Was aus Joey Crack geworden ist und was die Neider aus ihm gemacht haben, zeigt letztlich aber nur der aufmerksame Ausflug hinein ins Album.

Den Anfang beschreitet „Winding On Me“, ein von Ron Browz gezimmertes Stück Musik, das mit Feature von Lil Wayne auf Auto-Tune nicht nur einige Wochen zu spät kommt, sondern genau so klingt, wie es sich liest, nämlich etwas unspektakulär. Ein kleines Kompliment möchte man allenfalls Ron Browz machen, der ein angenehm bedrohliches Instrumental ins Spiel bringt, das war es dann aber auch schon. Aber jetzt genug gemeckert, weiter gehts und es wird, so viel sei schon mal verraten, besser, wenngleich der erste Eindruck leicht misslungen ist.

„Joey Don’t Do It“ macht da schon so manches besser, erinnert ein wenig an Nas‘ „Thieves Theme“ und weckt in weniger als Zweieinhalb Minuten wieder Hoffnungen auf weiteres brauchbares Material aus dem Hause Fat Joes. Zwar folgen nun drei Tracks, davon je einen mit Akon und einen mit T-Pain als Gast, die auf den ersten Blick für Missmut sorgen, aber alles in allem doch in Ordnung gehen. Sicher keine Ohrwurm-Gefahr wie einst mit Ashanti, aber innerhalb seiner selbst geschaffenen Möglichkeiten holt Herr Cartagena raus was geht. Kann man sich das ein oder andere Mal durchaus geben.

Nun wird es richtig hart für alteingesessene Freunde des Dicken. „Congratulations“ ist, sprechen wir es ruhig offen und ehrlich aus, Musik, wie man sie sich wohl nicht einmal für Lau von den Blogs dieser Welt beziehen würde und wenn sich „Porn Star“ Lil Kim ganz dem Auto-Tune hergibt, dann geht das weit über die Grenzen des guten Geschmacks hinaus. Als wäre es Teil des Konzepts, geht das Kontrastprogramm munter weiter und zieht den Hörspaß mit „Ice Cream“ nach oben. Dabei werden vergleichsweise trockene, wesentlich ruffere Seiten angeschlagen (andernfalls häte sich Raekwon sicher nicht zu einem Gastspiel hinreißen lassen), bevor das Album mit den übrigen drei Tracks ein ordentliches Ende findet.

Was spricht die Bilanz am Ende des Tages also: zwei Totalausfälle, wenig Neues, viel Berechenbares, aber auch gut ein halbes Album voll mit Stücken, die den Qualitätsstandart aktueller Blogosphären-Tracks mitgehen können. Ob das einen nun anspricht oder kalt und regnungslos lässt, ist eine Frage des Geschmacks, erwartet hatte ich, man möchte es mir in diesem Moment vielleicht nicht glauben, Schlimmeres.